Einfach (Um-)Bauen

© Studio Loske
Das Forschungsprojekt zum Anfassen.

Viele gesellschaftliche Fragen betreffen die Zukunft des Bauens. Die Bundesstiftung hat am 9. August 2021 auf dem Baukulturdialog in Bad Aibling gemeinsam mit Expertinnen und Experten hierzu Antworten gesucht. In Kooperation mit der B&O Gruppe fand der Baukulturdialog „Auf dem Weg zu einer neuen (Um-) Baukultur“ im B&O Parkhotel in Bad Aibling statt.

Mit der lebendigen Vor-Ort-Debatte wurde das aktuelle Schwerpunktthema der Stiftung eingeläutet: Die Bewältigung anstehender gesellschaftlicher Aufgaben, wie zum Beispiel die Klimakrise, ist nur durch einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen möglich – seien es Energie, Rohstoffe oder der Baubestand. Die vielschichtigen Anforderungen, die sich aus der Hinwendung zu einer nachhaltigen Bauweise ergeben, müssen gegeneinander abgewogen, unter ökonomischen Gesichtspunkten bewertet und in neu zu definierenden Planungs- und Bauprozessen umgesetzt werden. Im Baukulturdialog wurden aktuelle Tendenzen in Architektur und Immobilienwirtschaft in den Fokus gestellt und mögliche Wege zur einer neuen (Um-) Baukultur anhand von Projektbeispielen und Anschauungsobjekten vor Ort aufgezeigt und gemeinsam diskutiert.

Die Tagung startete mit einer Führung über das Parkgelände, Ziel waren u.a. die Forschungshäuser „Einfach bauen“, einem Projekt der TU München, in Zusammenarbeit mit dem Architekten Florian Nagler, dem Gebäudetechniker Thomas Auer und B&O als Bauherr. Die drei Baukörper mit monolithischen Wandaufbauten aus Holz, Mauerwerk und Beton werden derzeit bundesweit veröffentlicht und debattiert. Unter der Prämisse „Einfach bauen“ entstanden dort Gegenentwürfe zu den seit Jahrzehnten komplexer werdenden Konstruktionen üblicher Bauvorhaben.

Durch das Programm des Baukulturdialogs führte Inga Glander, Projektleiterin für den Baukulturbericht bei der Bundesstiftung Baukultur. Stephan Schlier, erster Bürgermeister der Gemeinde Bad Aibling sowie Dr. Ernst Böhm, geschäftsführender Gesellschafter der B&O Gruppe begrüßten die etwa 90 Gäste der Veranstaltung in Bad Aibling. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, leitete in das Thema des Tages ein. In Bezug auf den Bestand nannte er leerfallende Innenstädte, Ressourcenverbrauch sowie den Verlust von regionaler Architekturqualität als aktuelle Herausforderungen. Bestandserhalt wird langsam wieder „gesellschaftsfähig“. Zudem wird es notwendig, den emotionalen Wert von Gebäuden zu erkennen. In ihnen steckt nicht nur „graue Energie“, sondern viel mehr „goldene Energie“, die Wertschätzung und Erhalt verdient.

Claudia Meixner von Meixner Schlüter Wendt Architekten sprach über „Komplexe Ressourcen – Alles ist Umbau“. In Ihren Projektbeispielen, wie dem Henniger Turm in Frankfurt oder der Dornbuschkirche zeigte sie auf, wie wichtig auch der immaterielle Wert des Bestands ist und wie dessen Erhalt und Weiterentwicklung bei einem Umbau zu ganz neuen Möglichkeiten führen kann.

Achim Nagel von Primus Developments sprach anschließend über „Bestand: Aufgabe + Chance für die Immobilienbranche“. Ihm wurde nicht erst bei der Auseinandersetzung mit dem genossenschaftlichen Projekt „Gröninger Hof“ in Hamburg – einem Parkhaus, das zu Wohnungen umgebaut werden soll – bewusst, wie viele Chancen für eine neue Art der Immobilienentwicklung im Bestandserhalt stecken.
Unter dem Titel „Reduce – Reuse – Recycle“ hielt Muck Petzet von Muck Petzet Architekten ein Plädoyer für den Bestand. Er zweifelt an der tatsächlichen und zügig machbaren Kreislaufwirtschaft in Bezug auf Gebäude und sprach sich deshalb dafür aus, den Einsatz von Ressourcen maximal zu reduzieren. Jede Maßnahme soll auf ihre Notwendigkeit hin überprüft und Abriss generell vermieden werden. Zwingend notwendig für den Bestandserhalt ist seiner Meinung nach die Instandhaltung von Gebäuden, die aber noch zu oft vernachlässigt wird.

Danach stellten Prof. Florian Nagler, Prof. Thomas Auer und Dr. Ernst Böhm unter dem Titel „Neues Bauen – Einfach und robust“ ihre Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt „Einfach bauen“ vor. Ausgangslage für das Forschungsprojekt waren die immer komplexer werdenden Ansprüche an Gebäude, deren technischer Betrieb die Nutzer überfordere, fehleranfällig sei und meist erst nach Jahren, oder sogar nie, die berechnete Energiebilanz einhalte. Die Forschungshäuser sind dagegen sowohl in ihrer Konstruktionsweise als auch in ihrer technischen Ausstattung so einfach wie möglich konzipiert und erzielen durch ihre optimierten Wandaufbauten, Grundrisse und Fassaden auch ohne aufwändige Technik einen hohen Wohnkomfort.

Eine von Reiner Nagel moderierte Dialogrunde mit den Vortragenden und dem Publikum bildete den Abschluss des Baukulturdialogs. Festgehalten wurden folgende Forderungen und Erkenntnisse:

  • Wenn es uns gelingt einfacher zu bauen, können wir auch „einfach umbauen“;
  • Wir brauchen wieder planerische und handwerkliche Kompetenz um den Bestand besser zu verstehen und umzubauen;
  • Eine gesellschaftliche und politische Fokussierung auf Bestandsschutz ist sinnvoll;
  • Reale CO2-Bepreisung des im Gebäude gebundenen CO2 ist wichtig Es braucht einen Paradigmenwechsel von Energie- zu einem Emissions-Vergleichsmaßstab


Mit der Führung einer zweiten Gruppe durch die Forschungshäuser und einhelliger Zustimmung der Teilnehmenden zu deren reduzierter Bau- und Haustechnik, bei gleichzeitig hoher gegebener Raum- und Gestaltqualität endete der Baukulturdialog in Bad Aibling.

Nach oben