7. Baukultursalon

Immer mehr Baugebiete: Umsteuern notwendig!

Bundesstiftung Baukultur

Täglich wächst die Siedlungs- und Verkehrsfläche in wachsenden und in schrumpfenden Regionen in Deutschland um 66 Hektar. Während die großen Städte unter dem stetigen Druck versuchen, so schnell wie möglich so viel kostengünstigen Wohnraum wie möglich dort zu errichten, wo es machbar ist, stellen Kommunen jenseits der Metropolen fertig erschlossene Wohngebiete bereit, um jungen Familien im Wettbewerb um Einwohnerzahlen jederzeit Bauland anbieten zu können. Unter diesen Voraussetzungen entstehen häufig nicht die Quartiere, die in integrierten Lagen mit einer intelligenten Verkehrsinfrastruktur klimafreundlich an jetzige und zukünftige Anforderungen angepasst sind und die Städte zukunftsfest machen könnten.

Inwiefern Qualität und nachhaltige Infrastruktur bei der Planung und Qualifizierung von Bauland erforderlich sind, haben die Bundesstiftung Baukultur und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in ihrem zweiten gemeinsamen Baukultursalon zum Thema Flächenverbrauch behandelt. Lesen Sie mehr dazu unter dem Reiter "Dokumentation".

 

Donnerstag, 29. Juni 2017

18.30 Uhr Eintreffen

19 Uhr Begrüßung und Einführung
Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur
Sabine Djahanschah, Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Impulse à 10 Minuten
Gotthard Meinel, Leibniz-Institut für Raumentwicklung IÖR
Karen Pein, IBA Hamburg GmbH
Thomas Zylla, Stadt Falkensee
Gisela Stete, Büro StetePlanung

Podiumsdiskussion, ca. 60 Minuten
Sabine Djahanschah, Deutsche Bundesstiftung Umwelt
Gotthard Meinel, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung IÖR
Karen Pein, IBA Hamburg GmbH
Martin Randelhoff, Zukunft Mobilität
Gisela Stete, Büro StetePlanung
Lars-Christian Uhlig, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR
Thomas Zylla, Erster Beigeordneter und Dezernent Bauverwaltung Stadt Falkensee

Gesprächsleitung: Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur

Im Anschluss
Imbiss und Getränke

 

Änderungen vorbehalten

Immer mehr Baugebiete: Umsteuern notwendig!

Mit einem Ausrufezeichen versieht die Bundesstiftung Baukultur selten eine Veranstaltung – das hat Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, in seinem Grußwort zum Baukultur Salon am 29. Juni unterstrichen. Doch es gehe nicht mehr so weiter mit dem Flächenverbrauch, insbesondere, wenn man sich anschaue, wofür diese Flächen in Anspruch genommen werden, so Nagel: 66 Hektar Land werden aktuell täglich durch Siedlungs- und Verkehrsfläche neu beansprucht, 140 Hektar im Bestand versiegelt. 84 Prozent der deutschen Gemeinden stellen derzeit neue Einfamilienhausgebiete zur Verfügung, oft am Ortsrand bei gleichzeitig aussterbenden Ortskernen. Wollen wir im Sinne einer nachhaltigen Strategie den Flächenverbrauch verringern und vitale, lebenswerte Städte gestalten, sei diese Praxis nicht länger tragbar, so Nagel.

Für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) begrüßte Sabine Djahanschah. Gemeinsam mit der DBU führt die Bundesstiftung Baukultur das Projekt „Baukultur und Fläche“ durch, in dessen Rahmen der Baukultur Salon stattfand. Djahanschah setzte in ihrem Impuls die Themen Bauen und Flächenverbrauch in einen globalen Kontext: Wie beeinflussen wir durch das Bauen Umwelt und Klima? Wie wirkt sich der Einsatz von Baustoffen auf unsere Ressourcen weltweit aus? Hier könne ein kluges Wirtschaften mit recycelten Materialen sowie nachwachsenden Rohstoffe helfen, dieser Entwicklung gegenzusteuern – in Anbetracht einer wachsenden Ressourcenknappheit dringend notwendig und ganz im Sinne einer nachhaltigen Baukultur.

Dr. Gotthard Meinel vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung  (IÖR) machte deutlich, wie essentiell sich die Versiegelung von Flächen etwa auf klimatische Bedingungen auswirkt. Anhand des IÖR-Monitors erläuterte er, wie genau sich die Flächennutzung in Deutschland darstellt. Demnach nehmen die Siedlungs- und Verkehrsflächen zu, während gleichzeitig die Siedlungsdichte abnimmt – lediglich Großstädte werden immer dichter. In der Innenentwicklung liegt das Potenzial zur Nachverdichtung deutschlandweit bei 120.000 Hektar. Bei dem derzeitigen Bauaufkommen könnten die Deutschen weitere fünf Jahre bauen, ohne neue Flächen in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig machte Meinel deutlich, wie wichtig eine doppelte Innenentwicklung ist – Verdichtung ja, aber auch Raum für Freiflächen und Stadtgrün müsse bleiben. 

Wie die Metropole Hamburg mit den Herausforderungen der Stadtentwicklung umgeht, zeigte Karen Pein von der IBA Hamburg GmbH. Sie erläuterte die Doppelstrategie „Mehr Stadt in der Stadt“ und „Stadt an neuen Orten“. Dabei liege der Fokus auf der Innentwicklung, aber auch neue Gebiete am äußeren Rand der Stadt würden erschlossen, so Pein. Sie verdeutlichte, wie wichtig hier wie dort ein transparenter Planungsprozess sei, der alle Beteiligten von Anfang an mit einbeziehe, insbesondere die Bürger.

Deutschlands am schnellsten wachsende Kommune präsentierte Thomas Zylla, stellvertretender Bürgermeister der brandenburgischen Stadt Falkensee. Die Einwohnerzahl des Mittelzentrums hat sich in den vergangenen 25 Jahren auf rund 43.000 mehr als verdoppelt, Tendenz steigend. Aufgrund der geringen Siedlungsdichte der Stadt spiele die Verkehrsinfrastruktur in Falkensee eine große Rolle – gerade mit Blick auf den Pendlerverkehr nach Berlin und die Notwendigkeit umfangreicher Parkflächen.

Mit dem Thema Mobilität stieg Reiner Nagel in die Podiumsdiskussion mit allen geladenen Teilnehmern ein. Wie stark die Verkehrsinfrastruktur mit Flächenverbrauch zusammenhänge, sei gemeinhin noch zu wenig in den Köpfen, so Nagel. Blogger Martin Randelhoff (Zukunft Mobilität) stellte eine diametrale Bewegung fest: Während Städte Konzepte einer stadtverträglichen, nachhaltigen Mobilität mit Fuß- und Fahrradwegen entwickelten, sei die Abhängigkeit vom eigenen PKW in ländlichen Regionen nach wie vor Realität. Allgemein stelle sich die Frage nach Flächengerechtigkeit mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur und unterschiedliche Nutzer.

Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) machte die Chancen deutlich, die eine Entschleunigung des Verkehrs bringen würde. Bei einem geringeren Tempo der Fahrzeuge könnten Straßen schmaler werden – zugunsten von Radwegen etwa. Im Zusammenhang mit der vieldiskutierten Elektromobilität wies Bracher darauf hin, dass diese – wenngleich emissionsärmer – ebenso flächenintensiv sei. Zu einer Erhöhung des Verkehrsaufkommens könnte zudem die Automatisierung des Verkehrs führen. Chancen zum geringeren Flächenverbrauch lägen unterdessen in Technologien wie dem induktiven Laden von Elektrofahrzeugen.

Lars-Christian Uhlig vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) erläuterte, wie das BBSR versucht, mithilfe guter Beispiele und Förderprogrammen Städtebauprojekte voranzutreiben. Das BBSR übernehme Beraterfunktion und intellektuelle Transferleistungen, um Baukultur auch auf  kommunaler Ebene zu verankern. Man versuche, an die Vernunft zu plädieren, wo oftmals noch ein Konkurrenzdenken der Kommunen vorherrsche – im Kampf um Einwohner, Gewerbe und Steuern.

Als Resumée der Veranstaltung lässt sich festhalten:

  • Flächenverbrauch/-versiegelung wird noch zu wenig als umweltrelevantes Problem gesehen, beeinflusst Ökologie und Klima jedoch in hohem Maße
  • Großes Potenzial zur Flächeneinsparung liegt im Verkehr – etwa durch Begrenzung der Geschwindigkeit
  • Möglichkeiten der Innenverdichtung müssen im Sinne einer doppelten Innenentwicklung erfolgen, um möglichst viel Grünbestand zu erhalten
  • Flächeneffizienz ist ausbaufähig, etwa durch das Stapeln von Flächen (ruhender Verkehr) und die Mehrfachnutzung von Flächen

 

Beim abschließenden Ausklang mit Getränken und einem Imbiss diskutierten Teilnehmer und Gäste im Foyer der Bundesstiftung Baukultur angeregt weiter.

Weitere Informationen zum Projekt „Baukultur und Fläche“ der Bundesstiftung Baukultur und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) finden Sie hier.

Baukultursalon

Veranstalter
Bundesstiftung Baukultur

29.06.2017, 19.00
Teilnahmegebühr: 0€


Bundesstiftung Baukultur
Schiffbauergasse 3
14467 Potsdam
Deutschland

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