35 / Jan Knippers: Baukultur ist

... unberechenbar

Kulturell verantwortliche Bauingenieure, als deren Vertreter ich mich an dieser Stelle sehe, versammeln sich gerne hinter dem von Jörg Schlaich geprägten Schlachtruf ‚die Baukunst ist unteilbar‘. So richtig es ist, das Bauen als Ganzes und nicht nur die Architektur ins Blickfeld zu nehmen, stört mich an diesem Statement, dass der Begriff der ‚Baukunst‘ auf die Sphäre des Nicht-Alltäglichen verweist. Zu oft habe ich Verantwortliche von Bauherren, Behörden oder Planungsbüros erlebt, die im Urlaub die Kunstmetropolen Europas bereisen, die mit größter Sorgfalt ihre Wohnungen einrichten, die in ihrer Freizeit Aufsätze über historische Brücken schreiben, die sich also zu Recht als kultiviert bezeichnen, ihr alltägliches Handeln aber vorauseilend den sie umgebenden Zwängen unterordnen. Dabei berufen sie sich gerne auf Vergabeverordnungen, Gemeinderatsbeschlüsse oder Vorstandsentscheidungen, die ihnen die Hände binden und sie – leider, leider – dazu zwingen würden, ihre Entscheidungen vor allem nach wirtschaftlichen Kriterien auszurichten.

Baukultur ist eine gesamtgesellschaftliche Leistung, die man nicht auf den Feierabend verschieben oder an Architekten und vielleicht noch ein paar wenige kreative Ingenieure delegieren kann. Sie erfordert den Beitrag von allen, auch von Behörden, Baufirmen und Projektsteueren. Sie kostet Geld, Zeit und vor allem das Engagement jedes Einzelnen. Nur wenn persönliche Verantwortung getragen, wenn das Neue gewagt wird, ist Baukultur möglich.

Stattdessen beschränken wir uns darauf, scheinbar bewährte Abläufe immer weiter zu optimieren und auf keinen Fall Fehler zu machen. Speziell Ingenieure verstehen sich als Optimierer. ‚Effizienz‘ ist das entscheidende Stichwort. Dem Überraschenden, dem Nicht-Vorhersagbaren und Nicht-Berechenbaren wird kaum eine Chance gegeben. Genau dieser Ansatz hat sich in den letzten Jahren aber ins Gegenteil verkehrt: Mit dem Ziel, alles immer besser und gerechter zu machen, sind die politischen Entscheidungsprozesse, die Vergabe- und Planungsverfahren zu Monstern geworden, die kaum noch beherrschbar sind, von vornherein auf Konflikte zusteuern und die kulturelle Leistung des Bauens in den Hintergrund rücken. Speziell als Tragwerksplaner, der irgendwo zwischen den Gestaltungswünschen des Architekten und den wirtschaftlichen Vorgaben des Bauherren eingeklemmt ist, spürt man das sehr deutlich (sofern man aufgrund eines niedrigen Honorarangebotes die Hürde des VOF Verfahrens genommen und den Auftrag erhalten hat).

Aus meiner Perspektive wird die Front häufig an der falschen Stelle aufgemacht: architektonische Autisten werden als Beleg für einen vermeintlichen Gegensatz zwischen einer verantwortungsbewussten Baukultur und aktuellen Entwicklungen des computerbasierten Entwerfens herangezogen. Eine Rückbesinnung auf handwerkliche Traditionen mag vielleicht ein Weg für süddeutsche Kleinstädte sein, ist aber sicher keine Lösung für die globalen Herausforderungen unserer Zeit. Es wird übersehen, dass gerade die Digitalisierung des Bauens mit integrierenden Datenmodellen und durchgängigen Prozessketten den Schritt von der seriellen Massenfertigung hin zu ausdifferenzierten, materialgerechten und lokal angepassten Strukturen ermöglicht. Sie erfordert aber nicht nur einen verantwortungsbewussten architektonischen Umgang, der vielfach noch zu entwickeln ist, sondern auch eine Neuausrichtung unserer Vergabe- und Planungskultur. Gerade letzteres scheint mir in Deutschland dringend erforderlich zu sein.

 

Jan Knippers

hat an der TU Berlin Bauingenieurwesen studiert und dort im Jahr 1992 promoviert. Danach war er in einem international renommierten Ingenieurbüro tätig bevor er im Jahr 2000 als Leiter des Instituts für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen an die Universität Stuttgart berufen wurde. Im Jahr 2001 gründete er mit Thorsten Helbig das Büro Knippers Helbig Advanced Engineering, das inzwischen Niederlassungen in New York und Berlin unterhält. Jan Knippers beschäftigt sich mit computerbasierten Planungs- und Fertigungsprozessen sowie mit neuen Werkstoffen für die Architektur.