36 / Guido Hager: Baukultur ist

... über die Zwischenräume reden

Die klassische Stadt - denken wir als Beispiel an Florenz - ist in sich geschlossen, mit Kirchen und Palästen im Zentrum und den übrigen, vielfältigen Gebäuden in homogener Erscheinung. Enge Straßen und baumlose Plätze liegen zwischen den Gebäuden, dahinter verstecken sich verwunschene Gärten. Die Stadt liegt eingebettet in der sie umgebenden Landschaft. Die moderne Stadt - denken wir an den Plan Voisin von Le Corbusier - entbehrt diesen baulich verdichteten Zentren. Ein Straßenraster führt durch eine Ansammlung von Hochhäusern, die in offenen Freiräumen mit einigen Bäumen und Sträuchern stehen, alles fließt ohne Hierarchie aus der Stadt in die Landschaft. Stadt und Landschaft sind nicht mehr Gegenspieler. Gibt es da noch eine Stadt? Kann noch von einer Landschaft gesprochen werden? Hat der moderne Städtebau die Landschaft abgeschafft? Oder vereinnahmt? Wenn wir von Baukultur reden, meinen wir immer auch Freiraumkultur. Das wichtigste Element sind dabei die Bäume.

Dazu folgende drei Thesen:

  • Unqualifizierte Freiräume, sogenannte hybride Freiräume, sind so charakterlos wie das Wort hybrid aussagt: sie sind alles und nichts. Aber vielleicht am richtigen Ort das einzig Mögliche Hybride Freiräume sind die Lieblinge der Politiker. Es sind Orte, die ganz viele, ganz unterschiedliche Anforderungen und Wünsche erfüllen müssen, denen es aber an stadträumlicher Fassung, an einem zentralen Gebäude und vor allem an einer klaren Nutzung fehlt. Sie müssen alle Fehler der fehlenden Stadtplanungen wettmachen. Meist werden dafür Lösungen gesucht, die für Alle etwas bieten - und damit oft gesichtslos werden. Dafür gäbe es ein gutes Rezept: viele Bäume! Bäume verbinden ungleichartige Räume, sie bilden einen Schwerpunkt, sie nehmen den umgebenden Bauten Präsenz, sie sind selber positiv belegt weil sie Schatten und damit ein verbessertes Klima bieten. Sie können einen unwirtlichen Raum zu einem angenehmen Stadtraum werden lassen. Historisch bildet der St. Petersplatz in Basel ein anschauliches Beispiel. Er wurde nicht aus der oben beschriebenen Unbestimmtheit geplant sondern bot der neu sich bildenden Bürgerschaft einen Ort des Zusammentreffens. Dies könnte auch heute wieder wertvoll werden. Aber Bäume bieten auch Probleme: denken wir an das viele Laub, dem Lieblingsargument gegen Bäume. Technisch wird das Pflanzen von Bäumen spätestens bei der Überprüfung der Leitungspläne schwierig. Bäume benötigen nicht nur im Lichtraum Platz, der ihnen durch einen guten Schnitt und die bewusste Engerstellung ermöglicht werden kann, sondern auch im Boden, wo Leitungen und Fundamente zu einem beengten Standort für den Baum führen. Doch besser ein mit Bäumen überstellter Freiraum als eine leere, unwirtliche Fläche.
     
  • Ob Straßen oder Plätze baumbestandene Alleen haben oder baumfrei sind, sagt noch nichts über deren Qualität aus. Historisch gesehen wurden zuerst erst die großen Boulevards nach der Schleifung der Stadtbefestigungen und die Haussmann‘schen Achsen in Paris mit Alleen belegt. Sie sorgten für Schatten für die promenierende Bürgerschaft und das marschierende Militär. Sie machen die Stadt grün und bürgerlich, was natürlich nicht im politischen Sinn gemeint ist. Vor dem 19. Jahrhundert folgten Alleen, wenn überhaupt, den Landstraßen bis an die Stadttore. Innerhalb der Städte waren die Straßen eng und frei von Bäumen. Allenfalls gab es eine Linde bei dem Brunnen auf dem Platz. Ansonsten wucherte das vielfältige städtische Leben. Heute versuchen wir, wo immer es geht, noch einen Baum zu pflanzen. Selten genug wird nach harten Diskussionen wie auf der Friedrichstraße in Berlin eine Straße neu ohne Bäume geplant, was der engen Einkaufsstrasse gut tut. Auch deshalb, weil sie sich damit wohltuend abhebt von der mehrreihig bepflanzten Allee „Unter den Linden“. Aber nicht jede Straße, nicht jeder Platz ist so eindeutig gestaltet wie diese beiden Prachtstraßen. Schwieriger sind jene Straßen, die eine heterogene Bebauungsstruktur haben und ohne eindeutige Erdgeschossnutzung sind. Generell können dort viele, eng gepflanzte Bäume helfen, wenn keine Leitungen in den Gehsteigen liegen. Einzelne Bäume an Aufweitungen wirken gut und bilden dadurch einen Beitrag zum Straßenbild. Warnen muss man vor einzelnen Bäumen, die jeweils vor Gebäuden gepflanzt werden, wo jeder Eigentümer bestimmt und nicht die Kommune die gesamte Straße koordiniert. Denn so kann nie eine Straße entstehen, die ihrer städtebaulichen Bedeutung gerecht wird.
     
  • Je grösser ein Park ist, desto wertvoller wird sein Angebot an nicht-funktionalen Flächen für die Erholung. Den vielleicht schönsten öffentlichen Park hat Frederick Law Olmsted zusammen mit Calvert Veaux für New York entworfen. Zuvor gab es zwar viele, teilweise öffentlich zugängliche Palast-Gärten, Tiergärten und Parks, die sich die beiden in Europa angeschaut haben. Die Grösse des Central Parks und die Voraussicht, mit seinem enormen Angebot der Stadt neues Terrain und dadurch neue Arbeitsplätze zum Wohle der Bürger zu erschließen, war neu. Ebenfalls neu war es, dass neben Restaurants und Bauten für den Parkunterhalt kaum Gebäude in den Park gesetzt wurden. Die Ausnahme bildet das Metropolitan Museum, dessen Rückseite jedoch zu einer problematischen Restfläche führt. Davon abgesehen sind die natürlich gestalteten Flächen mit den wenigen formalen Elementen zu jeder Tages- und Jahreszeit außerordentlich gut belebt. Das könnte uns lehren, dass kleine Parks und Pocketparks zwar nett sind und zur schnellen Erreichbarkeit beitragen, aber nur bedingt das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug in die Natur erfüllen. Die Anlage von großen Parks muss die zentrale Aufgabe von sich vergrößernden Städten sein. Erweiterungsgebiete müssen langfristig große Grünflächen ohne Gebäude gesamtheitlich freihalten. Jedes Gebäude bildet tendenziell eine Störung aus Sicht des Parkbesuchers. So gesehen ist es ein Glücksfall, dass in Berlin Tempelhof nicht weiter gebaut wird. Als Ausnahmefall ist er nicht von Bäumen begrenzt oder von Bäumen geprägt, sondern manifestiert sich durch seine schiere Fläche!
     
  • Die Landschaft als große, zusammenhängende Fläche ist ebenso stark gefährdet wie die klar abgegrenzte Stadt oder das überschaubare Dorf. Agglomeration ist überall. Ursprünglich als Gürtel um eine Stadt entstanden, wuchert sie heute vielerorts weit in die Landschaft hinein. Rezepte dagegen gibt es keine, die traditionellen Begriffe von Platz, Straße und Park greifen nicht mehr. Vielleicht könnten Bäume Strukturen schaffen und Halt geben. Wäre es möglich, dass auf jeder Parzelle ein Großbaum gepflanzt werden muss? In der Schweiz würde ein solches Begehren bei einer Volksabstimmung bestimmt nicht befürwortet, weil dann das Laub im Herbst Unordnung schafft und die Tiefgaragen nicht bis an die Parzellengrenzen gebaut werden könnten.

Dennoch: Bäume sind das wertvollste und gleichzeitig das umstrittenste Element in der Freiraumkultur.

 

Guido Hager
Landschaftsarchitekt, Zürich/Berlin

Guido Hager ist Landschaftsarchitekt und Geschäftsführer der Hager Partner AG mit Standorten in Zürich und Berlin. Nach seiner Ausbildungen zum Landschaftsgärtner und zum Floristen studierte er Landschaftsarchitektur an der Hochschule in Rapperswil. Nach dem Studium gründete er 1984 die Firma, die er seit 2000 mit Patrick Altermatt, seit 2008 mit Pascal Posset führt. 2012 wurde die Filiale in Berlin eröffnet.

Guido Hager ist seit 1987 Mitglied im Bund Schweizer Landschaftsarchitekten BSLA, seit 1992 Mitglied von ICOMOS Schweiz und leitete die ICOMOS-Liste der historischen Gärten und Anlagen der Schweiz für über 20 Jahre. Er ist seit 1997 Konsulent der EKD Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege und seit 2010 Mitglied der Akademie der Künste Berlin, seit 2000 Mitglied der Architektenkammer Berlin. Er ist Vorsitzender vieler nationaler und internationaler Preisgerichte, hält Vorträge und schreibt Aufsätze.