29 / Sergio Pascolo: Baukultur ist

... Städte nach neuen Paradigmen zu gestalten

In Europa gibt es bereits mehr erschlossene überbaute und urbanisierte Flächen, als für die Bedürfnisse der Bewohner benötigt werden. Neben dem quantitativen liegt das größte Problem heute vielfach in der Lage der Bebauung. Einige Städte sind zu Stadt- und Metropolenregionen herangewachsen, viele Altstadtkerne sind zu Dienstleistungs-Einkaufszentren verkommen und nahezu unbewohnt. Außerdem sind viele Kleinstädte und Dörfer verlassen (oder entvölkern sich) und schaffen so neue Bewohner für die weiter wachsenden Großstädte.

Die wuchernden Neubaugebiete, auf immer weiter außerhalb liegenden Flächen rings um die Städte, haben ein exponentielles Wachstum des Autoverkehrs und, als Folge davon, einen weiteren Flächenverbrauch für Infrastrukturen für diesen Verkehr erzeugt. Das Modell der schnellen Erreichbarkeit jedweder Sache an jedem Ort (mit dem Auto) hat drei negative Effekte: die Sättigung weiter halb-verstädterter Regionen auf Kosten der Qualität von Natur, Landschaft und lokaler Identitäten, das exponentielle Wachstum der Bewirtschaftungskosten der Städte aufgrund der Verlängerung aller Ver- und Entsorgungsnetze und die fortschreitende “Peripherisierung” der Städte selbst, die sich von Orten der Begegnung und des Austausches immer mehr in gigantische und anonyme technische Zugangsbereiche für die Gebäude verwandeln.

In diesem Zusammenhang muss auch die tendenzielle Überalterung der Bevölkerung berücksichtigt werden. Ein Phänomen, das sich in den kommenden zwei Jahrzehnten, angesichts des Eintritts der großen Zahl der Baby Boomer in das Pensionsalter, noch verschärfen wird. In Deutschland kommt zu diesen Phänomenen noch der zusätzliche, objektiv existierende Bedarf an neuem Wohnraum durch den schrittweisen Ersatz des Wohnungsbestandes aus der Nachkriegszeit im Rahmen der Energiepolitik und der Bekämpfung des Klimawandels hinzu.

Die Herausforderung besteht darin, die widersprüchlichen Tendenzen dieser Zeit – der krisenbedingte Nachfragerückgang und die weiterhin existierenden Expansionstendenzen – als eine Chance wahrzunehmen, die Städte nach neuen Paradigmen zu gestalten: weniger (oder keine) Stadterweiterungen und stattdessen Neuordnung des bereits bebauten Raumes zugunsten einer Verdichtung und der Schaffung von einem neuen Nutzungsmix. Das heißt, die Überwindung der monofunktionalen Struktur – Wohnungen, Büros, Produktion, etc. - sind die wichtigsten Kriterien.

Mit Baukultur für die urbane Zukunft berücksichtigen wir ein Wertesystem und eine Entscheidungsgrundlage, mit denen eine Verbesserung der Lebensqualität der Bürger unter Berücksichtigung der Notwendigkeiten des Klimawandels auf der einen und der „neuen Alten“ auf der anderen Seite angestrebt werden kann.

Baukultur bedeutet existierende Stadträume zu verstehen, zu optimieren und besser zu nutzen, die physischen Distanzen in Hinblick auf Zeit und Mittel zu überprüfen und zu überdenken, sowie die Stadt in menschlichen Maßstäben erneut zu schaffen.

 

Sergio Pascolo
Professor für Architectural and Urban Design, Venedig

geboren 1956 in Udine. Er lehrt Architekturentwurf, Städtebau und Nachhaltigkeit an der IUAV Universität in Venedig. 1985 gründete er sein eigenes Architektur-Planungsbüro; von 1985-2005 war er zunächst in Mailand ansässig, es folgten Stationen in Hamburg (1992-1995) und Venedig, wo er gegenwärtig mit einem Team junger und erfahrene Architekten arbeitet. SERGIO PASCOLO ARCHITECTS Arbeiten fokussieren sich auf wandelbare und flexible Konzepte ebenso wie auf Themen der nachhaltigen Entwicklung.




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