26 / Hanns Zischler: Baukultur ist

... Schrittgeschwindigkeit

Wann immer wir unsere Bleibe verlassen, tritt uns unabweisbar und übermächtig der gebaute Raum entgegen. Wir bewegen uns in ihm und durch ihn hindurch mit der Gewohnheit einer vermeintlich gesicherten Wahrnehmung. Die heute üblichen Formen der Durchquerung  werden, wenn auch in unterschiedlichem Maß, durch die den Räumen implantierten Zeichen und Signale gesteuert; diese bestimmen die Geschwindigkeit und das unfreiwillige Innehalten, wie es in dem allgemein befolgten Imperativ „Stop-and-go“ zur Formel und zum Alltags-Loop geworden ist.

Allein die Schrittgeschwindigkeit ist ein movens (und eine Norm), welche die Möglichkeit eröffnet, Stadtraum und Architektur in einer Weise wahr- und aufzunehmen, die sowohl unseren Sinnen wie den Intentionen der Erbauer angemessen wäre – vorausgesetzt wir verfügten über etwas, welches das bloße Meinen und flüchtige Anschauen überschreitet: eine ästhetisch begründete Urteilskraft.

Dass es damit hapert, lässt sich auf Schritt und Tritt feststellen. Selbst Menschen mit einem ausgeprägten kulturellen Bildungshaushalt neigen, wenn es um Architektur und Stadtraum geht, häufig zu pauschal begeisterten oder verwerfenden Wertungen, die über das „Gefällt mir (nicht)“ selten hinausgehen. Die Gründe für dieses eigentlich unverhältnismäßige Defizit sind meines Erachtens zum einen im ungeschulten Blick, zum andern im Verzicht auf etwas suchen, was ich die unhintergehbare Langsamkeit nennen möchte.

Der ungeschulte Blick ist gewissermaßen erworben: Während der langen Schuljahre gibt es so gut wie keine gezielte Hinführung zu den Grundlagen eines räumlichen Denkens, von der Baukunst ganz zu schweigen. Was vor Urzeiten der Zeichenunterricht, je nach Enthusiasmus des Lehrers, zu locken und leisten imstande war, wurde ersatzlos aufgegeben und auf eine trügerische Weise durch pseudoräumliche Simulationen von Rechenprogrammen überformt.

Es ist schierer und folgenschwerer Widersinn zu glauben, die computeranimierten „Raumansichten“ könnten an die Stelle realer Raumerfahrung, Wahrnehmung und Konstruktion treten – ein Irrtum, der sich mittlerweile als solide Fehlerfortpflanzung in die Ausbildung der Architekten eingeschlichen hat.

Zu schulen ist unser Blick mit dem Zeichenstift – ein Instrument, dessen überwältigende Qualität aus dem großen Schatz der überlieferten Skizzen erhellt. Dass diese Skizzen, Entwürfe und fabelhaften Zeichnungen und Aquarelle  bis heute nicht permanenter, die Analyse wie die Synthese der Baukunst begründender Lehrstoff geworden sind, muss verwundern und ist ein Ärgernis.

Raum und Kubaturen im Raum lassen sich zu allererst nur mit unseren ‚unbewaffneten’ Sinnen wahrnehmen und – in Schrittgeschwindigkeit.

Ausschreiten, innehalten und betrachten sind die Bewegungsformen jener  unhintergehbaren Langsamkeit, auf die nicht verzichtet werden kann, wenn man zu einem Urteil über den uns tagtäglich umgebenden Raum, über die Baukunst mit ihren Schönheiten und Verwerfungen gelangen will.

Selbst auf die Gefahr hin studienrätlicher Besserwisserei gescholten zu werden: die geschmähten oder zweckentfremdeten Wandertage an den Schulen wären ein unbeschwerter Anlass, sich auf diese Wahrnehmung einzustimmen.

Es war Joseph Brodsky, der, als er einmal in heller Begeisterung  von den Bauten Louis Kahns sprach, den Wunsch äußerte, einen Film über Kahns Architektur zu machen „by simply walking through these mighty spaces and whilst doing so talking about it“.

Tatsächlich gibt es einen Film, der auf grandiose Weise vorführt, wie ein geheimnisvoller und sein Geheimnis diskret enthüllender Raum „in Schrittgeschwindigkeit“ belauscht und erfahren werden kann: „Isfahan“ von Jean Rouch.

 

Hanns Zischler
Schauspieler

Geboren 1947, lebt in Berlin und arbeitet als Schriftsteller, Photograph und Schauspieler. Jüngste Veröffentlichungen: "Berlin ist zu groß für Berlin" (Galiani), "Grasmückensommer" (Verlag Ulrich Keicher), "Nach der Natur" (Kehrer Verlag). 




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