20 / Hans Drexler: Baukultur ist

... nachhaltig

In der aktuellen Architekturdebatte werden Baukultur und Nachhaltigkeit als unvereinbare Antipoden gegenübergestellt. Der diskutierten Gegensätzlichkeit liegt ein eingeschränktes Verständnis der beiden Begriffe zu Grunde, die weder der Baukultur noch dem nachhaltigen Bauen gerecht werden.

Auf der einen Seite stehen die Design-ArchitektInnen, die die baukulturelle Rolle der Architektur betonen und in ästhetischen Kategorien diskutieren. Dieses Verständnis räumt den ArchitektInnen, die ein Hoheitswissen von kultureller Bedeutung und Ästhetik verwalten, eine herausragende Rolle im Planungsprozess ein. In den meisten Fällen wird sie zu einer hilflosen Entschuldigung für die Business-as-usual-Methoden und das Säumnis, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Hier schwingt ein introvertiertes und selbstreferentielles Verständnis von Kultur mit: Kreativität wird als geniale Schöpfung aus der Abgeschiedenheit der künstlerischen Seele verstanden. Die Auseinandersetzung mit anderen Aspekten der Architektur wird nicht als Bereicherung begriffen, sondern als potentielle Verunreinigung der genialen ästhetischen Schöpfung abgelehnt. Diese Haltung hat dazu geführt, dass die Architektur zu einer reinen Design-Disziplin verkommen ist, die sich wahlweise an nackten Betonwänden oder geschwungenen Plastikoberflächen festhält. Baukultur lässt sich nicht auf die ästhetische Dimension reduzieren. Die Zeit, in der sich Architektur hinter schönen Bildern verstecken konnte, ist vorbei. Kultur im Allgemeinen und Baukultur im Besonderen ist immer ein aktiver Dialog mit der Umwelt und dem Kontext.

Auf der anderen Seite stehen die Zertifizierer, die aus Nachhaltigkeit in der Architektur ein komplexes Gefüge von messbaren Anforderungen, Berechnungen und Nachweisen machen wollen. Ohne die Wichtigkeit dieser Methoden in Abrede stellen zu wollen, gibt es zwei große Probleme mit diesem Ansatz: Erstens bildet er Architektur nicht ganzheitlich ab, sondern reduziert diese auf quantifizierbare Aspekte, womit zentrale baukulturelle und soziale Fragen vernachlässigt werden. Nachhaltigkeit ist keine rein technische Anforderung an Gebäude, wie Standsicherheit oder Brandschutz, die einfach erfüllt und nachgewiesen werden kann. Deswegen sind viele der Zertifizierungssysteme so irritierend, weil sie nur quantifizierbare Aspekte abbilden. Das, was gute Architektur ausmacht, erklärt sich nicht allein aus dieser Betrachtung. Manche der zentralen Fragen haben eine technische Dimension – in erster Linie sind sie aber architektonischer Natur und beantworten sich in der Form und Struktur des Raumes, der Fügung der Bauteile, der Farben, dem Licht und den Materialien.

Die Vernachlässigung der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit hängt auch mit dem zweiten Problem zusammen: Die Zertifizierungsverfahren sind bis jetzt nicht in Entwurfs- und Planungsprozesse übersetzt worden. Sie definieren Zielwerte und Anforderungen, geben aber keine Hinweise darauf, wie die Entwürfe in Hinblick auf die Bewertung optimiert werden können. Hier ergibt sich eine entscheidende Lücke in der architektonischen Forschung und Praxis. Die Diskussion der letzten Jahre beschäftigte sich mit Definitionen und Bewertungsmethoden. Dabei ist wertvolle Zeit und Energie verloren gegangen, um Methoden der Umsetzung in Entwurf und Planung zu erarbeiten.

Architektur ist eine Disziplin, deren Diskurs stark von der Logik des Machens geprägt ist. Interessant für die ArchitektInnen sind Werkzeuge und Prozesse, nicht Bewertungen und Anforderungen. Was fehlt, ist die Relevanz für den Entwurfsprozess sowie Ansätze, wie diese Themen in Planungs- und Entwurfswerkzeuge übertragen werden können. Wenn eine Zertifizierung nicht mehr eine der Planung nachgelagerte Bewertung ist, die notwendig zu Änderungen und Mehraufwand führt, sondern diesen bereichert und qualifiziert und damit zum natürlichen Bestandteil des Entwurfs wird, dann besteht eine Chance, dass die Themen, die durch die Nachhaltigkeitsdebatte eingebracht wurden, von den ArchitektInnen akzeptiert, angeeignet und mit baukultureller Bedeutung aufgeladen werden.

Beide Begriffe, Baukultur und Nachhaltigkeit, beschreiben für mich eine besondere Haltung: Die Debatte um Nachhaltigkeit ist die Chance der Disziplin, auch ihre kulturelle und gesellschaftliche Relevanz zurück zu gewinnen und sich aus einem introvertierten Design-Diskurs zu befreien. Hierzu muss die Trennung zwischen Baukultur und der ingenieurmäßigen Definition der Nachhaltigkeit in den Entwurfs- und Planungsprozessen überwunden werden. Weder führen die ästhetisierende Rückwendung der Design-ArchitektInnen zu zukunftsfähigen Lösungen noch lässt sich baukulturelle, ästhetische und soziale Relevanz der gebauten Umwelt berechnen und normieren. Als integraler Bestandteil gedacht, ist Nachhaltigkeit kein Gegensatz zu Gestaltung und Baukultur: Ohne Baukultur kann Architektur nicht nachhaltig sein.

 

Hans Drexler
Dipl. Arch. ETH M. Arch, Frankfurt am Main

Studierte Architektur an der TU Darmstadt, ETH Zürich, Bartlett School of Architecture UCLA in London und an der Städelschule in Frankfurt am Main. Partner im Büro Drexler Guinand Jauslin Architekten. Seit 2009 Vertretungsprofessor an der msa | Münster School of Architecture. Der Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre ist die Integration der Nachhaltigkeit in Entwurfs- und Planungsprozessen.




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