28 / Axel Buether: Baukultur ist

... materielle Substanz und immaterieller Ausdruck des menschlichen Seins

Baukultur als Formgeber und Spiegelbild von Gesellschaft

Die kulturelle Evolution des Menschen beginnt mit der Entdeckung von Möglichkeiten zur nachhaltigen Anpassung des Naturraums an die eigenen Bedürfnisse. Damit ergreift der Mensch die bisher nur von einer einzigen Spezies wahrgenommene Chance zur innovativen, planvollen und produktiven Umgestaltung aller Lebensbereiche und Lebensfunktionen. Die ältesten Spuren der bis heute andauernden enorm produktiven Auseinandersetzung des Menschen mit der Räumlichkeit seiner Existenz in der Umwelt führen in das japanische Chichibu. Gemeinsam mit den rund 500.000 Jahre alten textilen Überresten mobiler Behausungen der nomadischen Lebensform des Homo Erectus wurden unweit von Tokio steinerne Werkzeuge gefunden. Als technologische Erweiterungen unserer Körperfunktionen erleichtern uns Werkzeuge nicht nur unser Dasein im Naturraum, sondern sie eröffnen uns zugleich völlig neue Spielräume zur Umweltgestaltung. Das planende und gestaltende Handwerk wird hierdurch zur Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklung.

Bereits die ersten Bauwerke des Menschen mussten den technologischen Anforderungen der Jäger und Sammler in Bezug auf Mobilität, Modularität und Haltbarkeit entsprechen. Neben den materiellen Leistungen gewinnen auch die immateriellen Leistungen der Baukultur an Bedeutung, da sie immer mehr zum Ordnungsinstrument und Regelwerk für die Gestaltung von Gesellschaft werden. Ein immer komplexer werdendes System von Außen- und Innenräumen ermöglicht unserer Spezies die Hierarchisierung und Spezifizierung der Formen unseres Zusammenlebens. Baukultur wird hierdurch zum Formgeber und Spiegelbild von Gesellschaft.

Baukultur als anschauliches Gedächtnis der Menschheit

Das menschliche Genom weicht lediglich ein Prozent von dem des Schimpansen ab, ein Unterschied zu unserem nächsten biologischen Verwandten, der sich im Zeitraum von mehr als sechs Millionen Jahre entwickelt hat. Haupttriebkraft für die Entwicklung unserer Lebensform ist die kulturelle Bildung von Individuen, die seit ca. 6.500 Jahren durch Schriftsprache, seit ca. 40.000 Jahren durch Bildwerke und Skulpturen , seit ca. 100.000 Jahren durch Lautsprache und seit ca. 500.000 Jahren durch Baukultur und Gebrauchsgegenstände erfolgt.

Auch wenn diese Zahlen auf Grund immer neuer Entdeckungen mit Vorsicht zu gebrauchen sind, wird hier der Wert der baukulturellen Auseinandersetzung unserer Spezies mit der Art und Weise des eigenen Seins in der Umwelt deutlich. Der hierüber ausgetragene schöpferische und kulturbildende Dialog zwischen Lebensorganisation und Umweltgestaltung befruchtet den generationsübergreifenden Lernprozess von Individuen und steuert die Entwicklung von Gesellschaften. Die kulturelle Evolution erweitert die Leistungsfähigkeit unseres Genoms, da der Kulturraum immer mehr zu einem anschaulichen Wissensspeicher des Menschen wird, dessen Inhalte sich jede Generation immer wieder neu aneignen muss.

Transformationen unserer Bauten und Siedlungsräume treiben die Kulturentwicklung voran und übernehmen damit die Funktion biologischer Mutationen. Veränderungen gesellschaftlicher Anforderungen bewirken das Verschwinden von Bauformen, während sich neue bauliche Formideen der Organisation und Repräsentation von Gesellschaft erst im Gebrauch bewähren müssen. Baukultur und Gesellschaft funktionieren nach dem Prinzip der Koevolution oder wechselseitigen Anpassung, da Planer im Entwurfsprozess nicht nur die Bedürfnisse ihrer Zeitgenossen antizipieren, sondern immer wieder auch nach neuen Formen der Lebensgestaltung suchen. Was sie dabei antreibt, spielt vom kulturevolutionären Standpunkt keine Rolle, da die Suche nach höherer Funktionalität ebenso zur Weiterentwicklung von Gesellschaft beitragen kann wie die Erprobung visionärer Utopien.

Baukultur befruchtet den Diskurs über Sinn und Zweck unseres Daseins

Im lebenslangen Lernprozess des Gehirns entwickelt sich beim Individuum ein anschauliches Vorstellungsmodell der eigenen Lebenswelt, das die Grundlage aller Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsprozesse bildet. Selbst Sprache gewinnt nur dort an Bedeutung, wo Worte auf anschaulich vorstellbare Sachverhalte verweisen. Wer sind wir? Woher kommen und wohin gehen wir? Was verbindet und was trennt uns? Was ist Schönheit und was Hässlichkeit? Wovon träumen wir und wie wollen wir in Zukunft leben? Es sind die Fragen nach dem Sinn und Zweck unseres Daseins, die wir uns in der Auseinandersetzung mit den baulichen Zeugnissen der von uns selbst gestalteten Lebensumwelt immer wieder stellen.

Umweltwahrnehmung und Vorstellungsvermögen eines Individuums sind genau so vielfältig und umfangreich wie die Qualität und Quantität der allein durch den aufmerksamen und neugierigen Blick hervorgerufenen Fragen. Baukultur fordert die Berührung und Erkundung der nach unseren Bedürfnissen gestalteten Umwelt durch den Blick, der uns nur so viel mitteilt, wie wir zuvor durch das Zusammenwirken aller Sinne im Erkundungsprozess der Umwelt bereits erfahren haben. Im visuellen Wahrnehmungsprozess der gebauten Umwelt zeichnen wir den Entwurf von Ordnungsmechanismen und Funktionsprizipien mit den Suchbewegungen unserer Augen nach, wobei wir bedeutsame Teile zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen.

Die Stimmigkeit der Teile eines Bauwerks untereinander und zum Ganzen dient der Lesbarkeit seiner Funktion, da es uns hierdurch nicht nur seinen Daseinszweck, sondern ebenso auch anschauliche Anweisungen zu seinem Gebrauch vermittelt. Die atmosphärische Wirkung der Situation hingegen spiegelt sich im Wahrnehmungserlebnis des Betrachters, seinen Gedanken und Emotionen. Über die Auseinandersetzung mit der Äußerlichkeit und Innerlichkeit der baulichen Matrix unseres Daseins lernen wir viel über uns selbst, können unsere Herkunft verfolgen, unsere Gegenwart verstehen und unsere Zukunft erträumen.

Die generationsübergreifende Pflege eines schöpferischen Diskurses über Sinn und Zweck unseres Daseins erfolgt in materieller und immaterieller Weise sowohl durch das Bauen als auch durch die gedankliche Reflexion des Gebauten. Der lateinische Begriff „cultura“ , verweist auf Maß und Qualität der Pflege, die wir in Erhalt und Erneuerung unserer Lebensumwelt investieren. Baukultur beinhaltet nicht nur die Pflege der materiellen Substanz, sondern ebenso auch die Pflege des Diskurses über alle wichtigen Fragen unseres Daseins.

 

Prof. Dr. Axel Buether
Professor im Fachbereich Design und Kunst an der Bergischen Universität Wuppertal

promovierte nach einer Handwerksausbildung zum Steinmetz und dem Studium der Architektur im Grenzbereich von Neuropsychologie und Gestaltung zum Thema „Semiotik des Anschauungsraums“. Seine Praxis umfasst Projekte aus Architektur, Design und Medienkunst. Von 2006 bis 2012 war er Professor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle im Lehrgebiet „Farbe Licht Raum“. 2012 Ruf auf die Professur „Wahrnehmungspsychologie und Kreativität“ in der Fakultät Medien · Information · Design der Hochschule Hannover. 2013 Ruf auf die Professur „Gestaltung und Gestaltungstheorie“ in der Fakultät Bildung · Architektur · Künste der Universität Siegen. Nach dem Ruf auf die Universitätsprofessur „Didaktik der visuellen Kommunikation“ im Fachbereich Design und Kunst lehrt und forscht er seit 2012 an der Bergischen Universität Wuppertal.




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