06 / Volkwin Marg: Baukultur ist

... Kultivierung der Stadt

wie Agrikultur die Kultivierung des Landes ist. Kultivierung ist ein gesellschaftlicher Prozess über Generationen, Jahrhunderte, mit Nachhaltigkeit, und letztere ist begrifflich aus der Forstwirtschaft entlehnt. Gesellschaftliche Kultivierung ist nur möglich aufgrund einer individuellen Kultivierung. Diese kulturelle Bildung muß von der Wiege bis zur Bahre erfolgen – sozial, sittlich, musisch, gedanklich – in Familie, Schule und Beruf.

Kultivierung ist tendenziell konservativ – das erreichte Kulturgut bewahrend und tradierend. Neues Wissen und dessen Umsetzung in Technik schreitet fort und verändert die Umweltbedingungen für Gesellschaft und Individuum. Wenn aber Kultivierung ausschließlich beim Bewährten verharrt und nicht den Fortschritt einbezieht, entsteht die sogenannte ‚kulturelle Lücke’. Diese soziale und kulturelle Lücke zwischen Tradition und Fortschritt verursacht, nicht überbrückt, auf Dauer Sozial- und Kulturrevolutionen:

  • z. B. im Europa des 20. Jahrhunderts ideologisch 1917, 1922 und 1933 als Bolschewismus, Faschismus oder Nationalsozialismus
  • z. B. im Orient, Vorderasien, Indien, China, Afrika
  • nach 1945 antikolonialistisch oder heute fundamentalistisch-religiös.

Das nicht fortschreitende kulturelle Bewahren und Pflegen schlägt dann um in rücksichtsloses probieren oder zerstören. Das gilt gleichermaßen für die gesellschaftliche Gesittung, wie für die bauliche Kultivierung. Das Vergessen tradierter Errungenschaften ist ein ebenso großer Feind des kultivierten Fortschritts, wie die ignorante Verdrängung fortschreitender Technik und gewandelter Gesellschaftsverhältnisse. Für die Evolution aller Kultur, d.h. auch für Stadtkultur und Baukultur gilt der Satz von Carl Friedrich von Weizsäcker:

"Tradition ist bewährter Fortschritt, Fortschritt ist weitergeführte Tradition."

Baukultur ist auch die Äußerung politischer Kultur. Politik leitet sich vom griechischen Wort ‚polis’ für Stadt ab. Die Stadt ist das Gemeinwesen ihrer Bürger und für deren Gemeinwohl da. Die bislang höchste politische Kultur ist Demokratie. Demokratie für alle Bürger ist die größte sittliche Errungenschaft der entwickelten Gesellschaft. Demokratische Politik ist aber zugleich auch höchster gesellschaftlicher Luxus, weil sie für die Interessenabwägung zwischen Individuum und Gesellschaft für das unverzichtbare Gemeinwohl einen hohen Preis zahlt. Sie erfordert:

  • viel Zeit für Abstimmungsprozesse
  • Akzeptanz für unvermeidliche Kompromisse

Baukultur in der Demokratie ist eine aufwendige Partizipations-Kultur. Diese bietet aber die unverzichtbare Chance zur gesellschaftlichen Selbst-Korrektur. Baukultur ist wie alle Kultur umfassend und vielschichtig, von der Kultivierung der Verfahren, der Landschaftsgestaltung, der Stadtlandschaften, des Städtebaus bis hin zu Ingenieur-Kunstbauwerken und Architektur.

Wer z.B. über deutsche Lande fliegt, erblickt von oben, aus der Distanz gesehen, ein durchaus planvoll geordnetes Land von faszinierender Differenziertheit. Dieser Überblick verfliegt unten aus der Parterre-Perspektive unserer menschlichen Maßstäbe und weicht einer Abfolge verschiedener Einzeleindrücke. Die Güte der Umgebung von Stadt und Land messen wir am besten daran, ob die uns gut tut, einzeln oder in Gemeinschaft. ‚Cui bono’ ist der kulturelle Maßstab, der grundsätzlich gelten muß. Unsere Ästhetik, oder auch zu deutsch ‚die Wahrnehmung’ , orientiert sich zu allererst an der sozialen Güte der gebauten Umwelt.

Die Bürger haben hierfür auf Dauer ein feines Gespür, auch wenn sie durch die mediale Marktwirtschaft mit architektonischen Eitelkeiten häufig mit autistischen Sensationen oder ideologischen Schwarmgeistern oder Scharlatanen abgelenkt werden.

Schönheit empfinden wir letztlich erst, wenn das Notwendige und Richtige mit dem Gütigen verschmolzen ist.

 

Prof. Dipl.-Ing. Volkwin Marg
Architekt, Hamburg

geb. 1936 in Königsberg/Ostpreußen, 1965 Gründungspartner des Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner zusammen mit Meinhard von Gerkan; 300 fertig gestellte Bauten international; Mitglied Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung; Mitglied Freie Akademie der Künste zu Hamburg und zu Berlin; zahlreiche Auszeichnungen, Publikationen und Vorträge.




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