16 / Jörn Walter: Baukultur ist

... kreative Unruhe in sozialen und ökologischen Fragen

Das architektonische Geschehen der letzten beiden Jahrzehnte hat allen Unkenrufen zum Trotz einen enormen Aufschwung erlebt. Es ist vielfältig und kreativ, anregend und ideenreich, frisch und experimentierfreudig geworden. Man erinnere sich nur an die große Agonie nach der Bürgerwut auf die Massenbetonware der siebziger Jahre, die darauf folgende allgemeine Verunsicherung und schließlich die schillernde Postmoderne, die auch auf den zweiten Blick eine große Ratlosigkeit hinterließ. Das soll natürlich nicht davon ablenken, dass auch heute noch sehr viele Bauwerke durch eine besondere Abwesenheit von Baukultur hervortreten, allen voran die Gewerbearchitektur, die Ingenieurbauwerke und manches auf günstige und schnelle Vermarktung ausgerichtete Investorenprojekt.

Dennoch ist der Fortschritt unverkennbar und hat auch in den Medien Resonanz gefunden. Sie haben insbesondere die symbolische Aufladung der Städte mit spektakulären Architektur- und Ingenieurbauten, Freiräumen und städtebaulichen Großprojekten zu einem festen Bestandteil der „Erlebnisgesellschaft“ gemacht. Nun ist es aber in einer globalen Welt ab einem bestimmten Zeitpunkt gar nicht einfach, noch „Erlebnisse“ oder „Ereignisse“ zu schaffen, welche die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermögen. Und so geriet die Architektur auf mancherlei Abwege, bei der die Regeln der Funktion und Wirtschaftlichkeit geradezu außer Kraft gesetzt zu sein schienen. Vielerorts ging die Bodenhaftung verloren, und zwar völlig unabhängig von der Stilrichtung, also ob es sich um einen Bau des Dekonstruktivismus, des Supermodernismus, des Retro-Designs oder der Neuen Einfachheit handelte.

Es ist ein Problem für Baukultur, wenn Architektur beginnt, sich zu sehr in einem selbstreferenziellen künstlerischen System zu bewegen und die Gefahr droht, dass sie sich allzu weit von den sozialen und ökologischen Realitäten entfernt. Mit dem Klimawandel und den sozialen Folgen der Finanzkrise stehen die Gesellschaft und ihre Baukultur vor großen Herausforde-rungen, die wieder eine engere Verknüpfung der künstlerisch-gestalterischen Aufgaben mit den ökonomisch-sozialen und technologisch-ökologischen verlangen.

Damit ist nicht die Suche nach Banalität und Einfältigkeit gemeint, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Schon gar nicht nach Ruhe und Langeweile. Im Gegenteil: eine kreative Unruhe ist gefragt, welche die sozialen und ökologischen Fragen zu ihrem Ausgangspunkt nimmt und am Ende nicht sich selbst, sondern der Stadt, der Landschaft und den Menschen dienen will.

 

Jörn Walter
Oberbaudirektor, Hamburg

Studierte Raumplanung in Dortmund. Seit 1999 Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg, Mitausrichtung des Konvents der Baukultur 2012. 1997 Gastprofessur für städtebauliches Entwerfen an der Technischen Universität Wien und 1998 Lehreauftrag an der Technischen Universität Dresden. Seit 2001 Professor an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg.




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