19 / Elisabeth Merk: Baukultur ist

... kreative Teilhabe

Wir brauchen Städtebau mit Architekturen, die unsere inneren Bilder in der Realität spiegeln. Nichts anderes bedeutet am Ende Heimat: sich selbst wieder zu finden in der Wirklichkeit.

Identität setzt sich aus Geschichten, aus Erlebtem, aus Bildern zusammen. Bauten und Orte besitzen nicht per se eine identitätsstiftende Wirkung. Erst unsere Wahrnehmungserfahrung und unsere Interpretation weist ihnen diese Bedeutung zu. Bilder bedürfen einer Konnotation, die sich aus der eigenen Anschauung oder dem kollektiv tradierten Erlebnis, aber auch aus einer gemeinsamen zukunftsgerichteten Hoffnung, erklärt. Nur wenn diese Bilder von einem gesellschaftlichen Konsens getragen werden, sind sie lesbar und verständlich, können sie Identität stiften. So stark tradierte Bilder sein mögen: Städte sind zuallererst gebaute Geschichte. Sie ermöglichen physische und sinnliche Erfahrung, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und aus ihrer Tradition die Zukunft neu zu gestalten. Was von der überlieferten gebauten Stadt bewahrt werden soll und was preisgegeben wird – auch im Abriss, um neue Entwicklungen zu ermöglichen – muss jede Generation für sich neu und selbst entscheiden.

Die Bürgerinnen und Bürger bestimmen in erster Linie durch ihr Nutzungsverhalten die Stadt. Der „geheime Stadtplan“, die Mental Map,  hat viel mit dem subjektiv-emotionalen Bezug zur gebauten Umgebung zu tun. Auch die Partizipations-Mentalität jeder Stadt ist verschieden. München ist stolz auf das baukulturelle Erbe des Olympiaparks, fürchtet aber, traditionelle Bilder zu verlieren, wenn hohe Gebäude die Stadtsilhouette überragen. Auch diese Haltung hat ihre Berechtigung. Sie steht für die Verlustangst einer im Krieg stark zerstörten Stadt und gleichzeitig für ein gesundes Selbstvertrauen der Bürgerschaft, die sich das Recht nicht nehmen lässt, über Stadtgestalt und Baukultur öffentlich zu diskutieren.

Seit den 1970er Jahren existiert hier das Münchner Forum, das sich zu allen Fragen der Stadtbaukultur einbringt. In der Stadtgestaltungskommission werden seit den 60er Jahren öffentlich wichtige Bauvorhaben debattiert. Im Rahmen des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes der „Perspektive München“ gibt es verschiedenste Formate der Beteiligung; besonders auch für Jugendliche. Mit „Mini-München“ und dem Münchner Schulwettbewerb zur Stadtentwicklung besteht eine Plattform, bei der junge Menschen an der Stadt arbeiten. Die Entwicklung von Ideen einer Stadt der Zukunft durch junge interdisziplinäre Teams gelang im Wettbewerb „Open Scale“.

Die Stadt München unternimmt große Bemühungen, freiwerdende Gelände in der Stadt zusammen mit den Bürgern in formellen und informellen Formaten zu entwickeln, wie etwa das Paulanergelände oder die Bayernkaserne. Der spannendste Versuch ist jedoch das Kreativquartier an der Dachauer Straße, bei dem neben neuen Wohnungen auch die bestehenden kulturellen und kreativ-wirtschaftlichen Nutzungen weiterentwickelt werden sollen. Die dort gefundene Lösung des Bauens und Entwickelns mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten erfordert ein Umdenken der Politiker, der Juristen und der Kreativen. Eine wirklich gemeinsam gefundene Lösung darf nicht gleich wieder durch ein Protest-Sit-In vor dem ersten Neubau kaputtgemacht werden.

Die Qualität in der Stadt kann nur durch einen intensiven Dialog über Stadtbaukultur entstehen. Eine solche Debatte braucht Raum für kulturelle Auseinandersetzungen und Zeit. Die Stadt muss mit ihren Widersprüchen hinsichtlich ihrer Aufgaben gedanklich erfasst werden. Wir müssen den spezifischen Ort und damit den Stadtgrundriss, den wir vorfinden, als Ratgeber für diese neuen ästhetischen und technologischen Lösungen begreifen. Anstatt endloser Diskussionen brauchen wir eine Schule des Sehens und des dreidimensionalen Entwerfens, die uns wahrnehmungsfähig macht. Es bedarf Offenheit, nicht vorgefasster Meinungen, und die Bereitschaft, informelle Prozesse zuzulassen. Wir sollten weniger vernünftig und rational an unsere Aufgaben herangehen. Stellen wir dem Abwägen und Ausgleichen etwas anderes gegenüber: Position und den Zufall als Chance, Qualitäten zu erzeugen – jenseits unserer Regelwerke. Stadtbaukultur geht alle an und alle profitieren von einer besseren nachhaltig gestalteten Stadt. Die Instrumente und Verfahren für die Umsetzung der guten Ideen bedürfen aber einer ausreichenden Ausstattung mit den Ressourcen Zeit, Geld und Partnerschaften. Dafür braucht es Unterstützung.

Ich wünsche mir in Zukunft eine Stadtgestaltungsaktie, die von allen Nutzern des öffentlichen Raumes unterstützt wird. Das einzelne Bauprojekt würde davon genauso profitieren, wie die große Siedlung oder die Platzgestaltung im Quartier. Diese Stadtgestaltungsaktie könnte uns neuen – auch finanziellen – Handlungsspielraum ermöglichen. Der Zersplitterung von Akteuren und sich veränderten Bedürfnissen könnte so besser Rechnung getragen und die Verantwortung für Qualität auf alle neu verteilt werden. Wir bringen uns so in die Position, für die Kontinuität des öffentlichen Raumes und seiner Gestalt aktiv einzutreten.

 

Elisabeth Merk, Prof. Dr. (I)
Stadtbaurätin, München

Geboren 1963 in Regensburg. 2000 bis 2006 Leiterin des Fachbereichs Stadtentwicklung und Stadtplanung in Halle/Saale. 2005 bis 2007 Professorin für Städtebau/Stadtplanung an der HFT Stuttgart. Seit 2007 Stadtbaurätin in München. Seit 2009 Honorarprofessorin der HFT Stuttgart. Gast im Bau- und Verkehrsausschuss des Deutschen Städtetags und Mitglied im Beirat der Bundesstiftung Baukultur.




Kommentieren

Wird nicht auf der öffentlichen Webseite angezeigt

k
f
x
z
6
g
Z
W

Geben Sie den oberen Code bitte ohne trennende Leerzeichen ein.