17 / Reinhard Hübsch: Baukultur ist

... im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent

Lässt sich vorstellen, dass Herbert Grönemeyer einen Song mit dem Titel „Bye Bye Behnisch“ in die Charts bringt? Oder, dass in Aachen und Berlin eine Oper inszeniert wird, die Leben und Werk von Ludwig Mies van der Rohe in den Mittelpunkt stellt?

Architekten sind hierzulande namenlos, und das hat viele Gründe. Zwar wohnt jeder und jede, aber wie, darüber wird in Kindergärten und Schulen kaum gesprochen. Architekturkritik hat – sieht man von Ausnahmen ab – einen wesentlich geringeren Stellenwert in den Medien als die Literatur- und Musik-, als die Film- und Theaterkritik. Und die Baukünstler machen immer noch zu wenig auf sich aufmerksam.

Den Anstrengungen der Bundesstiftung Baukultur zum Trotz sind die Namen bedeutender Architekten und Bauingenieure in der Öffentlichkeit kaum präsent: von Schinkel über Chipperfield bis zu Dudler, von Peter Rice über Gustave Eiffel bis zu Werner Sobek. Wer Goethe und Schiller, wer Beethoven und Mozart nicht kennt, gilt zwischen Rhein und Oder als Dummkopf, die Unkenntnis in der Baukunst aber gilt als lässliche Sünde.

Und selbst wenn in der Werbung Bauwerke eingesetzt werden – wie vor Jahren etwa der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe – erkennt kaum ein Betrachter, dass es sich um ein Weltkunstwerk handelt. Werden aber Dürer oder Dali bei PR-Kampagnen zitiert, dann kann man erwarten, dass ein großer Teil das erkennt.

Dabei sollte, ja müsste es eigentlich anders sein. Und wenn das öffentliche Bewusstsein in der Wahrnehmung der gebauten Umwelt ein wenig geschulter wäre, dann könnte Baukultur in diesem Land auch einen anderen Stellenwert haben. Zwei Beispiele illustrieren, wie das in anderen Ländern aussieht.

Als ich vor Jahren das Haus Fallingwater in den USA besuchte, war ich erstaunt über die hohen Besucherzahlen dieses zum Museum umgewandelten Gebäudes. Seit der Eröffnung 1964 haben es weit mehr als vier Millionen Menschen besucht. Obwohl Fallingwater fernab der Metropolen liegt, obwohl die Eintrittspreise mit 18 bzw. 12 Dollar hoch sind, rangiert es auf der Liste der meistbesuchten Baudenkmale weltweit auf Platz 3. Lynda S. Waggoner, Direktorin von Fallingwater, nannte als einen Grund dafür, dass der Architekt Frank Lloyd Wright in den USA außerordentlich populär sei: „Im amerikanischen Bewusstsein“, so Waggoner, „ist er das, was bei Ihnen in Europa Beethoven ist.“

In der Tat: Zum zehnten Todestag Wrights komponierten die beiden Pop-Barden Simon & Garfunkel ihre Ballade „So long, Frank Lloyd Wright“, die 1969 auf der legendären LP „Bridge over troubled Water“ erschien. Und 1993 wurde in Madison, Wisconsin die Oper „Shining Brow“ uraufgeführt, in deren Mittelpunkt Frank Lloyd Wright steht. 1997 wurde das Werk in Chicago neu inszeniert und beide Inszenierungen wurden sowohl von der regionalen, als auch überregionalen Presse rezensiert.

In den USA etwa – aber auch in europäischen Ländern wie Dänemark – ist es schöner Brauch, dass an bedeutenden Bauwerken der Architekt genannt und die Geschichte des Hauses erläutert wird. Warum auch nicht: Jeder Roman nennt den Namen seines Autors auf dem Umschlag, bei Operinszenierungen werden selbstverständlich Komponist, Librettist und Regisseur erwähnt, im Abspann eines Filmes erfährt der Kinobesucher viel über den Drehbuchautor, den Regisseur und die Darsteller – nur die Baukunst findet im Anonymen statt.

Das zu ändern, wäre ein Weg, um Baukultur in Deutschland allmählich präsent zu machen.

Reinhard Hübsch
Journalist, Baden-Baden/Berlin

Studierte Germanistik und Politikwissenschaften. Arbeitete von 1981 bis 1989 als freier Journalist tätig. Seit 1989 im Kulturressort des Südwestrundfunks tätig. 2003 bis 2005 Kulturkorrespondent des Senders in Berlin. Seit 2005 ist Reinhard Hübsch als Autor und Moderator beim SWR tätig. Er hat verschiedene Bücher zu Architektur und Deutschlandpolitik verfasst.




Kommentieren

Wird nicht auf der öffentlichen Webseite angezeigt

w
y
Z
Z
K
s
e
m

Geben Sie den oberen Code bitte ohne trennende Leerzeichen ein.