34 / Engelbert Lütke Daldrup: Baukultur ist

... gestalten von Widersprüchen

Unser Baukulturverständnis fußt auf der europäischen Städtebautradition. Die Qualitäten der Europäischen Stadt – ihre Integrationskraft, ihre Dichte und Vielfalt, ihre funktionale und soziale Mischung und natürlich ihre gestalterischen Qualitäten – setzen auch heute Maßstäbe für die zukünftige Entwicklung unserer Städte. Sie zeigen anpassungsfähige Strukturen auf, sowohl für Städte, die sich mit dem Weniger beschäftigen als auch für Städte, die dynamisch wachsen.

Berlin erlebt nach Jahren der moderaten Einwohnerentwicklung einen Wachstumsschub. In den letzten vier Jahren sind 170.000 neue Bewohner nach Berlin gezogen. 120.000 Arbeitsplätze sind neu entstanden. Dieses Wachstum führt auf dem Wohnungsmarkt zu starker Anspannung, die früheren Wohnungsleerstände sind Geschichte. Die Miet- und Kaufpreise steigen schnell. Um die große Wohnungsnachfrage zu befriedigen, müssen in den nächsten zehn Jahren ca. 150.000 neue Wohnungen entstehen.

Mit diesen Herausforderungen verbinden sich der Anspruch und die Chance, qualitätsvolle Stadtbausteine in sozialer, technischer, funktionaler, ökologischer und gestalterischer Hinsicht zu entwickeln. Baukultur in Prozess und Ergebnis ist das Ziel. Dieser Anspruch muss in einem Spannungsfeld aus hohem zeitlichem Druck, einem dynamischen und spekulativen Grundstücksmarkt und einer kontroversen stadtpolitischen Debatte realisiert werden.

Eine Grundvoraussetzung für baukulturelle Strategien ist in diesem Kontext die Bezahlbarkeit des Wohnens und die Zugänglichkeit des Wohnungsmarktes. Die Integrationsfähigkeit der Europäischen Stadt kann nur erhalten werden, wenn die gesellschaftliche Verantwortung auf dem Wohnungsmarkt gestärkt wird. Akteure, die wie die städtischen Wohnungsbaugesellschaften und die Wohnungsbaugenossenschaften sozial verantwortlich und mietpreisdämpfend agieren, müssen mehr Gewicht bekommen.

In der gesamtstädtischen Perspektive stellt sich die Frage, in welchen Lagen und in welcher Körnigkeit das Stadtwachstum organisiert wird. Die Frage ist eng verknüpft mit der Verfügbarkeit von Liegenschaften. Kompakte Stadtstrukturen stehen für einen schonenden Umgang mit wertvollen Flächenressourcen, ermöglichen die Nutzung vorhandener Infrastrukturen und sind die Voraussetzung für postfossile Mobilitätssysteme. Der Nachverdichtung des Siedlungskörpers kommt insofern eine besondere Bedeutung zu. Damit wachsen die qualitativen Ansprüche an die neuen Häuser und Quartiere.

Allerdings – Verdichtung führt bekanntermaßen nicht zwangsläufig zu mehr Urbanität. Die ausschlaggebende Frage wird sein, ob die Entwicklung von Vielfalt, von sozialer und funktionaler Mischung gelingt. Damit die neuen Stadtbausteine auf Akzeptanz stoßen, müssen sie zu einem Gewinn für die jeweiligen Nachbarschaften werden. Das erfordert Qualität zu angemessenen Preisen. Nur dann entwickeln sich Städte mit Eigenschaften.

 

Prof. Dr. Engelbert Lütke Daldrup
Staatssekretär für Bauen und Wohnen in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin

Geboren 1956, Engelbert Lütke Daldrup studierte Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Dortmund. Nach dem Städtebaureferendariat in Frankfurt am Main promovierte er an der Technischen Universität Berlin zu bestandsorientiertem Städtebau. 1989 wurde er technischer Hauptreferent der Berliner Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, ab 1992 leitete er das Referat Hauptstadtgestaltung. Von 1995 bis 2005 war er Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bau in Leipzig. Als Beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung brachte er die Initiative zur ‚Nationalen Stadtentwicklungspolitik‘ und die ‚Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt‘ auf den Weg. Nach seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Thüringen ist Engelbert Lütke Daldrup seit 2014 Berliner Staatssekretär für Bauen und Wohnen.