38 / Johannes Novy: Baukultur ist

… Gesellschaft, ist Politik, ist Prozess

Mit dem Begriff Baukultur verhält es sich wie mit dem der Nachhaltigkeit: wirklich populär wurde er erst mit der Einsicht, dass das, was mit ihm verbunden wird, abhanden kam bzw. erodierte. Außerdem haben die beiden Begriffe gemeinsam, dass sie zwar häufig benutzt, aber dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – nicht eindeutig in ihrer Bedeutung sind. Und beide Begriffe verbindet, dass mit ihnen viel Etikettenschwindel betrieben wird. Gerade im „Premiumbereich“ der Immobilienbranche – jenem Segment, in dem Bauvorhaben „Modern-Bauhaus-Fellini-Living-Loft- Eastside-Residences“ genannt werden und Qualität häufig zunächst an renditebezogenen Kriterien bemessen wird, sind Baukultur oder aber auch Baukunst längst zu zentralen Topoi geworden, freilich meist ohne dass man ihnen dies ansehen würde.

Baukultur hat als Verkaufsinstrument Konjunktur, weil „Kultur“ Mittel sozialer Distinktion und Sinnbeschaffung ist und angesichts unserer durch und durch kulturalisierten Ökonomie Wertsteigerungen verspricht. Adjektive wie „exklusiv“, „individuell“ und „einzigartig“ werden bemüht, um zu signalisieren „wer hier zuschlägt, kauft etwas Besonderes“ und als Faustregel kann wohl behauptet werden, dass ihre Verwendung in einem umgekehrt proporti- onalen Verhältnis zur tatsächlichen Originalität und Qualität der beworbenen Projekte steht: je häufiger sie fallen, desto mehr Anlass zur Skepsis ist geboten.

Doch was ist Baukultur? Sicher, es geht um die „Qualität der Herstellung von gebauter Umwelt“, wie es auch in der Begründung des Gesetzes zur Errichtung der Bundesstiftung Baukultur heißt. Doch darüber, was diese Qualität ausmacht, lässt sich bekanntlich streiten. Das Alter Ego von Kultur ist Gesellschaft. Versteht man Baukultur nicht normativ, sondern analytisch, ist sie zunächst Abbild und Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse inklusive der ihnen innewohnenden Interessens- und Machtstrukturen und Wertvorstellungen. Hinsichtlich der Frage, welche „Kultur des Bauens“ wünschenswert ist und gefördert werden sollte, mag zwar Einigkeit über einzelne Zielsetzungen oder Maßstäbe bestehen. Aber es treten auch fundamentale Unterschiede zutage, die, wie sollte es anders sein, nicht zuletzt auf unterschiedliche Interessen und Wertevorstellungen zurückzuführen sind. Von einem einheitlichen Verständnis „guten“ Bauens ist nicht auszugehen in einer Gesellschaft wie der unseren, weder hinsichtlich der Ziele noch hinsichtlich der Wege dorthin. Konfligierende Wertvorstellungen und Interessen sind fundamentaler Bestandteil des Politischen und die Auseinandersetzung über Baukultur folglich unweigerlich politisch. Deshalb muss sichergestellt werden, dass auch öffentlich unterschiedliche Auffassungen präsentiert und diskutiert werden können.

Gestaltungsansprüche sollten nicht per Diktat oktroyiert werden und Architekten und Stadtplaner nicht als Geschmacksrichter fungieren. Städte – und nicht nur sie – leben von der Verflechtung und dem Aufeinanderprallen von Differentem sowie der Gleichzeitigkeit von Ordnung und Unordnung (obschon letztere auch als konkurrierende Ordnungsmuster zu begreifen ist). Das heißt keineswegs, dass man die Dinge laufen lassen soll. Es geht vielmehr darum, die Fragen nach den Ursachen zu stellen: Wieso scheint so vieles, was in unse- ren Städten, Vororten und ländlichen Räumen entsteht, gänzlich ohne Gestaltungsanspruch auszukommen? Wieso widerspricht gebaute Umwelt so oft den mehrheitlich geteilten Maßstäben, die wir besitzen, um Gutes von Schlechtem zu unterscheiden? Konkret gefragt: Warum lassen wir zu, dass die Deutsche Bahn durch die Errichtung meterhoher Lärmschutzwände in den Augen vieler vom größten Immobilienbesitzer zum größten Stadtbildzerstörer mutiert? Wieso setzt sich die „Aldisierung“ der Stadt (Jens Sethmann) durch großflächige, in Standardbauweise errichtete und mit großzügigen Parkplatzbrachen versehene Lebensmittelmärkte vielerorts fort? Und wie kann es sein, dass zwar alle vom „Gemeinwesen“ Stadt sprechen, aber weiterhin häufig nicht Gemeinwesenorientierung sondern Renditeerwartungen das Stadtentwicklungsgeschehen bestimmen? Baukultur kann nicht isoliert von sozialen Prozessen und Rahmenbedingungen betrachtet werden. Wer sie zum Besseren verändern möchte, muss sich auch mit der Frage beschäftigen, warum die Dinge so sind, wie sie sind und ob sie nicht vielleicht auch anders sein könnten. 

 

Johannes Novy
Gastprofessor für Planungstheorie an der BTU Cottbus-Senftenberg

Dr. (PhD) Johannes Novy ist Stadtplaner und -forscher und ist derzeit als Gastprofessor für Planungstheorie an der BTU Cottbus-Senftenberg beschäftigt. Er studierte Stadtplanung und Urbanistik in Deutschland, Italien und den Vereinigten Staaten, wo er 2011 an der Columbia University in New York promovierte. Novy ist Assoziierter am Center for Metropolitan Studies (CMS) in Berlin, (Ko-)Initiator von „Urban- Lab+“, einem internationalen Netzwerk von Hochschuleinrichtungen in den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Design, und schreibt, lehrt und berät zu verschiedenen aktuellen Themen der Stadtforschung und Stadtentwicklung.