07 / Barbara Sichtermann: Baukultur ist

... geschichtsbewusst

oder sie ist es nicht. Was aber soll das bedeuten? Etwa, dass nur das Alte zählt und die Jetztzeit sich anpassen muss? Wer so denkt, verkennt, dass auch die Jetztzeit zur Geschichte gehören wird. Geschichtsbewusstsein kann nur aus der Gegenwart erwachsen. Wir haben gar keine andere Zeit, aus der heraus wir etwas entwickeln können, schon gar nicht Baukultur.

Aber die Gegenwart ist eine Fortsetzung. Sie sitzt auf allem, was gewesen ist, und Baukultur hat die Aufgabe, diesen dynamischen Faktor in ihre Kreativität einzubauen. Denn wenn nicht Krieg oder Erdbeben deren Zeugnisse eliminieren, bleiben sie der Menschheit lange erhalten. Oder?

In Sachen Beständigkeit ist Baukultur uneinheitlich. Wir haben noch die Pyramiden, aber so manches Plattenbau-Karree hatte ein arg kurzes Verfallsdatum. Man könnte abstreiten, dass es sich überhaupt um Baukultur handelt, wenn Häuser oder öffentliche Gebäude abgerissen werden, bevor sie Zeit hatten zu trocknen. Man könnte sagen: das sind einfach nur Bauten – ohne Kultur. Doch das wäre willkürlich. Es gibt auch kurzatmige Kulturen, und über die Fragen von Schön und Häßlich urteilt der Zeitgeist jeweils anders.

Ob Baukultur vorliegt oder ob einfach nur so in die Landschaft hineingebaut worden ist, das entscheidet sich, meine ich, an Hand von historischen Erwägungen der Rück- und Vorausschau, die in Planung und Ausführung eines Baus eingeflossen sind. Im Vordergrund steht dabei meistens der Stolz auf das Neue, das eine Epoche hervorgebracht hat: neue Materialien, neue Konstruktionsmethoden, neue Standards in Sachen Wohnen oder Repräsentation. Und im Hintergrund steht das Alte, die schon bebaute Umgebung, sei das eine Straße, ein Platz, ein Flussufer oder ein Park, in die das Neue sich einfügen soll. Wenn beides gleichermaßen zu seinem Recht kommt, das Jetzt und das Ehemals, dann darf man von historisch bewusster Baukultur reden.

Nehmen wir ein Beispiel: das Berliner Schloss. Es ist nicht mehr da. Es war einmal sehr schön. Man weiß noch, wie es aussah, und es war nach dem Krieg nicht mal völlig zerstört, man hätte es rekonstruieren können. Man hat es willkürlich in Trümmer gelegt. Kein baukultureller Akt. Der aber ist heute gefordert. Wie kann er aussehen? Die alte Pracht neu herrichten? Wo bleibt da die Gegenwart? Ganz was Neues hinsetzen? Wo bleibt da die Vergangenheit? Eine Mischform? Alte Fassaden, aber innen, zum Hof hin, moderne Architektur? Das ginge schon eher. Würde aber nach Kompromiss riechen. Und wie sieht die Umgebung aus? Da gibt es wenig nahe Berührung. Laute Einzelteile stehen herum, aus unterschiedlichen Zeiten. Die Frage der Einpassung ist schwierig. Das ganze Unternehmen, die Lücke Schlossplatz nach Kriterien einer geschichtsbewussten Baukultur zu schließen, ist dermaßen kompliziert, dass eine Lösung einfach nicht in Sicht kommt. Mit der Konsequenz, dass erstmal gar nichts passiert. Und das ist nicht das Schlechteste. Denn das Moratorium weist darauf hin, dass Baukultur keineswegs immer gleich weiß, wo und wie sie zu sich selbst kommt.

Manchmal muss man sehr lange nachdenken. Zum Geschichtsbewusstsein gehört auch, dass man sich Zeit nimmt, weil Zeit nun mal das Medium ist, in dem so ein Bewusstsein reift.

 

Barbara Sichtermann
Publizistin und Schriftstellerin, Berlin

geb. 1943 in Erfurt, wuchs in Kiel auf und studierte Sozialwissenschaften und Volkswirtschaft in Berlin. Seit 1978 arbeitet sie als freie Autorin für den Rundfunk und verschiedene Printmedien. Sie schrieb mehrere Bücher zu den Themen leben mit Kindern, Frauenpolitik und - bewegung, Medien und die Rebellion von 1968. Bekannt wurde sie als Fernsehkritikerin der "Zeit". Sie erhielt den Elisabeth-Selbert- Preis und den Jean-Amery-Preis für Essayistik.




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