31 / Ute Weiland: Baukultur ist

... eine Kultur des WIR

Frei nach einem Zitat von Winston Churchill könnte man sagen: We shape our cities and afterwards our cities shape us. In London drohen Hochhäuser wie eine Gruppe von Godzillas die Stadt zu erdrücken. In Asien erleben wir einen Wettlauf der Türme in den Himmel. Peking, Shanghai, Singapur und Dubai wirken wie unvollendete Bauausstellungen, in denen sich internationale Architekten, Unternehmen oder Staatspräsidenten selbst verwirklicht haben. Nur ganz selten gelingt es, diesen Denkmalbau zu unterbinden.

Städte sind unbezahlbar geworden für Bewohner, die früher in den nunmehr abgerissenen Gebäuden gewohnt haben. Sie wurden durch Hochhäuser und Shopping Malls ersetzt.

Wir prägen unsere Städte – aber wer verbirgt sich hinter dem WIR? Nobelpreisträger Joseph Stiglitz spricht von „predatory urban planning“, von räuberischer Stadtplanung. Sind wir nicht längst von der Stadtplanung entfremdet und allenfalls zu telegenen Wutausbrüchen fähig, wie wir sie als Riots in Berlin, London, Paris oder Sao Paulo erleben? Oft genügt nur eine Buspreiserhöhung, um aus unseren Städten gefährliche Orte der Gewalt zu machen.

Zur Kultur des WIR gehört es, dass sich in unseren Städten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft widerspiegeln. Positive Beispiele sind alte Fassaden von Industriegebäuden, historischen Bauten hinter denen sich ein modernes vielseitig nutzbares Ensemble von Wohnungen, Arbeitsstätten oder Restaurants befindet, kinder - und altersgerecht. Oder ein Beispiel wie die St. Patricks Kathedrale in New York, die sich in den Fenstern der neuen Gebäude spiegelt und mit ihnen in einen Dialog tritt. Das Moderne ist damit nicht entfremdet vom Alten und die Menschen finden Geborgenheit. Die Stadt Frankfurt versucht das zu steigern, indem sie eine mittelalterliche Stadt nachgebaut hat, aber sie antwortet damit auch auf das Bedürfnis der Menschen, sich wieder als Bürger und nicht als Erarbeiter von Renditen zu fühlen.

Wo finden wir Spuren des WIR, die wir für die Zukunft nutzbar machen können? In den Zonen, wo die Stadt aufhört, bilden sich Siedlungen, die weder Dorf noch Stadt sind. Es sind Slums, die wir politisch korrekt als in- formal settlements bezeichnen. Dennoch gibt es an diesen Orten der Hoffnungslosigkeit, Inseln die zeigen, wie wir Menschen uns das Wohnen vorstellen. Diese kleinen Stadtgrün- dungen zeichnen sich durch Strukturen aus, die sich am Vorbild der menschlichen Zelle orientieren: in der Mitte ein Baum, um den Baum ein öffentlicher Platz, ein spirituelles Zentrum in Form einer Kirche, einer Moschee oder einer Bibliothek, eine Schule und eine Küche mit Garten, wo man lernt, sich gesund zu ernähren.

Dieser urbane Urwald spiegelt die Bedürfnisse der Menschen wider. Hier finden wir Pläne, wie die Stadt der Zukunft zu gestalten ist. Wir brauchen erst Slums, um uns zu besinnen, wie Menschen leben wollen.

Man kann es nicht oft genug sagen: in naher Zukunft werden 75% der Menschheit in Städten leben, davon etwa ein Drittel in Slums. Die heutigen Städte gleichen sich immer mehr. Sie könnten irgendwo sein und befinden sich damit im Nirgendwo. Wir brauchen eine Baukultur, die sich wieder an den Menschen orientiert, eine Baukultur des WIR.

 

Ute Weiland
Stellvertretende Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft

Ute Weiland verantwortet internationale Konferenzen zu den Themen Megacities und Globalisierung u.a. in New York, Shanghai, Bombay, Johannesburg, Mexico City und Sao Paulo. Seit Januar 2010 ist sie Mitglied im Governing Board von LSE Cities, einem Zentrum an der London School of Economics zur Erforschung der Zukunft der Städte. Sie moderiert ein internationales Netzwerk aus Bürgermeistern, Architekten, Stadtplanern, Wissenschaftlern, Ökonomen und NGO, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Städte auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten.




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