21 / Michael Braum: Baukultur ist

... eine Kampfansage an Banalität und Ignoranz

Baukultur ist Ausdruck einer Wertschätzung, die wir unserer entworfenen Umwelt – gleich ob in Stadt, Dorf oder Landschaft – entgegen bringen. Diese Wertschätzung erschließt sich nicht primär aus dem gebauten Objekt selbst, als vielmehr aus dessen Bezügen zum Kontext.

Um diese Art von Wertschätzung ist es, unbeschadet aller Absichtserklärungen, schlecht bestellt in Deutschland, sonst sähen unsere Städte, Dörfer und Landschaften anders aus.

Anscheinend einzig getrieben davon, den individuellen oder sektoralen Nutzen vor die Bereicherung des Kontexts zu stellen, haben wir verlernt, das Angemessene zu tun. Doch gerade das Selbstverständliche, das Unauffällige und das „Lautlose“, sind die eigentlichen Voraussetzungen für das Entstehen einer Baukultur gerade im Alltäglichen.

Statt die Ausbildung von Architekten, Ingenieuren sowie Stadt- und Landschaftsplanern zu verbessern, wird diese verkürzt. Statt Vergabeverfahren zugunsten der Besten zu entscheiden, begünstigen diese den Billigsten.

Statt im Planen und Bauen ausgebildete Persönlichkeiten in verantwortliche Entscheidungspositionen zu bringen, werden diese Ämter politisch besetzt, häufig sogar mit Fachfremden.

Statt über die ganzheitliche Qualität eines Gebäudeentwurfs zu entscheiden, d.h. über Architektur zu diskutieren, wird sektoralen Gesichtspunkten wie Energieeffizienz oder Wirtschaftlichkeit Genüge getan. Wir diskutieren zunehmend über die Verbesserung von Verfahren und Prozessen und lenken damit von den eigentlichen Problemen ab.

Entscheidend ist doch die Frage, wie viel uns Baukultur tatsächlich wert ist und was wir an materiellen und konzeptionellen Ressourcen dafür zu investieren bereit sind. Es sind weniger die Verfahren und Prozesse, so transparent sie auch sein mögen, als vielmehr folgende Gegebenheiten, die erst verändert werden müssen:

  •     Solange die für das Bauen verantwortlichen Politikerinnen und Politiker nicht die Rahmenbedingungen für ein Klima schaffen, in dem Bauen nicht mehr primär als ökonomische, technische oder allein effiziente Leistung, sondern wieder als kulturelle Leistung verstanden wird, kann Baukultur nicht entstehen.
  •     Solange die Kultusministerien den Universitäten und Fachhochschulen im Planen und Bauen keine Ausbildung ermöglichen, die dem humanistischen und damit ganzheitlichen Erkenntnisinteresse verantwortet ist, kann Baukultur nicht entstehen.
  •     Solange sich die für das Bauen verantwortliche Administration im Bund, den Ländern und den Kommunen nicht offensiv zur Baukultur bekennt, indem persönliche Verantwortung vagabundierende, undurchsichtige und entpersonifizierte Zuständigkeiten ersetzt, kann Baukultur nicht entstehen.
  •     Solange eine Flut von Rechtsverordnungen und Bescheiden erlassen und damit Labyrinthe von Akten produziert werden, anstelle dass die öffentliche Verwaltung eine aktive Bauherrenberatung von im Planen und Bauen Kundigen verantwortet, kann Baukultur nicht entstehen.
  •     Solange die Kammern und Verbände sich nicht auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, d.h. die Bedingungen dafür schaffen, dass angemessene Honorare bezahlt, faire Wettbewerbsbedingungen geschaffen, interdisziplinäres Entwerfen gelebt werden und berufsrechtliche Konsequenzen im Falle von Zuwiderhandlungen durchsetzen, wird Baukultur nicht entstehen.
  •     Solange sich die Planenden und Entwerfenden, d.h. die Architekten, Ingenieure, die Stadt- und Landschaftsplaner nicht verpflichtet fühlen, dass sich das Entworfene, unabhängig davon ob Gebäude, Park, Straße oder Brücke mit dem Kontext auseinandersetzt, gleich ob in der Landschaft oder in der Stadt, ohne das Vorgefundene zu kopieren, wird Baukultur nicht entstehen.
  •     Solange Investoren sich nicht als Bauherren verstehen und die Bauherren sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl nicht bewusst sind und entsprechend agieren, wird Baukultur nicht entstehen.

Um Baukultur trotz alledem zu schaffen, sind für mich sechs Dinge Voraussetzung:

  •     Der wirklich nachhaltige Einsatz von Ressourcen von der Herstellung über den Transport bis zum Verbau.
  •     Der Respekt vor dem Vorgefundenen, ohne die Wiederholung des an dem spezifischen Ort Üblichen, als vielmehr dessen zeitgemäßen Weiterentwicklung.
  •     Die Notwendigkeit mit dem Entworfenen Identität zu stiften, d.h. sich mit dem Kontext auseinanderzusetzen, um das „Wesen des Ortes“ zu stärken.
  •     Eine Entschiedenheit zu zeigen, entweder für die Urbanität, oder für die Landschaft.
  •     Das Recht auf Schönheit anzuerkennen, unabhängig von Architekturhaltungen oder dem Zwang, Trends nachzujagen und
  •     eine Diskussionskultur als Grundlage von alledem.

Zur Baukultur gehört „Wache zu schieben“, also darauf zu achten, dass diese Grundlagen umgesetzt werden. Nur dann ist Baukultur mehr als ein Lippenbekenntnis.

Niemand darf sich aus der Verantwortung stehlen. Das Schaffen von Baukultur ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die nur erfolgreich umgesetzt werden kann, wenn sich Alle dem gemeinsamen Ziel unterordnen, dass Bauen als kulturelle Leistung in unserer Gesellschaft anerkannt wird.

 

Michael Braum
Prof., Stadtplaner und Städtebauer, Potsdam

1980 bis 1996 Mitarbeiter und Gesellschafter der Freien Planungsgruppe Berlin. 1984 bis 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin. 1996 Gründung des Büros Conradi, Braum & Bockhorst. 2006 Gründung des Büros Michael Braum und Partner. Seit 1998 Professor an der Leibniz Universität Hannover. 2008 bis 2013 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur.




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