22 / Fritz Reusswig: Baukultur ist

... eine Chance für Klimaschutz und Energiewende

Bislang vertan und vernachlässigt, ruht in den planenden Disziplinen eine breite Palette an Anwendungen, um dem Klimawandel baukulturell zu begegnen. Jedoch mangelt es an kreativer Problemauffassung und Teamwork. Wendet man diese an, können Lösungen entstehen, bei denen sich Energieeffizienz-Kennwerte und gestalterische Kreativität nicht ausschließen.

Die Welt der Baukultur, sie könnte in Ordnung sein. Ist sie aber nicht. Wie soll man das in der Kürze einer Kolumne belegen? Mein kleiner Lackmustest: Wer durch Dänemark fährt und sich allein die gewerblichen Neubauten anschaut und mit ihren Gegenstücken in Deutschland vergleicht, wird leicht feststellen, dass noch das letzte Autohaus oder Gartencenter in unserem nördlichen Nachbarland mehr planerische Sorgfalt und ästhetische Aufmerksamkeit erfahren hat, als die meisten lieblos hingehauenen Zweckbauten hierzulande. Und wir können uns noch nicht einmal damit trösten, dass uns eine höhere Lebensqualität für die Schwächen unserer Baukultur entschädigt.

So schlimm dies ist – leider „stinkt“ es nicht nur rein ästhetisch im Staate Deutschland. Es hakt auch an einer mit Blick auf die Zukunft ganz wichtigen Stelle: der Frage der ästhetischen Übersetzung von Klima- und Nachhaltigkeitsfragen in die Baukultur! In dieser Kolumne ist es schon mehrfach beklagt worden: Wir leiden noch immer an der geistigen und praktischen Trennung von Architektur und Ingenieurskunst (von manchen Architekten verächtlich „Schlauchkunde“ genannt). Der Architekt (oft genug auch: die Architektin) plant und gestaltet – unter allerlei Randbedingungen – die Gestalt des Gebäudes, seine Sprache, aus der sich die Semantik der Baukultur und die Syntax des Städtebaus ergeben. Und die Ingenieure (männliche Form mit Absicht gewählt) sollen es dann richten, wenn es gilt, irgendwelche Standards und EnEVs einzuhalten.

Aber so werden Klimaschutz, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit niemals zu positiven Treibern der Baukultur – im Gegenteil, sie sind dann schon zu deren Verhinderern mutiert. Doch das Gegenteil muss der Fall werden. Wir müssen unsere Städte und Kommunen (letzteren fällt es leichter), die Jahrhunderte lang als quasi natürliche „Senken“ für anderswo bereitgestellte fossile Energien fungiert haben, zu aktiven Erzeugerinnen von Energie umbauen. Und das ist nicht nur – bei allem gebührenden Respekt – eine Aufgabe der Ingenieure und Energieplaner, es ist vor allem eine Aufgabe der Baukultur auf allen Maßstabsebenen.

Eine Baukultur, die derlei Aspekte nicht als Restriktion, sondern als Chance begreift, und die sie insbesondere auch in Ästhetik und Architektursprache übersetzen will. Eine Baukultur, die einem zeitgemäßen Kulturbegriff folgt, der auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit drängenden Gegenwarts- und Zukunftsfragen baut, nicht auf Binnencodes. Eine Baukultur, die sich bewusst auch dem utopischen Kern der Planungsberufe stellt, die Qualitätsmaßstäbe nicht umstandslos den Vorgaben und Restriktionen der Bauherren opfert.

Eine Baukultur, die in den Prozessen und Modellen der Natur nicht einfach ein zu überwindendes Gegenmodell der architektonischen Zivilisation sieht, sondern darin ein weises Archiv möglicher Lösungen erblicken kann. Eine Baukultur, die sich bei allen absolut notwendigen Qualitätsansprüchen auch ihrer sozialen Verantwortung bewusst bleibt. Eine Baukultur, die sich der besten Traditionen der europäischen Baukunst würdig erweist, indem sie sich – wie diese – den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft stellt. Das kann immer auch den Bruch mit den gebauten Traditionen bedeuten, und im Zeichen von Klimawandel und Energiewende muss es dies wohl auch.

Und eine Baukultur schließlich, die sich als Vorbild in einem globalen Kontext begreift, der neben allerlei architektonisch-ökologischem Wahnsinn eben auch die Lichtzeichen von umweltfreundlichen und klimaneutralen Gebäuden und Städten braucht, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Eine solche Baukultur braucht ein Geflecht unterstützender Akteure und Institutionen. Sie braucht die entsprechende Ausbildung, mit vielfältigen inter- und transdisziplinären Akzenten, aber auch einer klaren Kernkompetenz, die über das Technische und Ästhetische hinausgehen muss. Und natürlich braucht sie politische Rahmenbedingungen, die derzeit leider eher wegbrechen als gestärkt werden.

Noch ein Wort zum Klimaschutz. Oftmals werden baukulturelle Belange – sei es der Denkmalschutz, sei es die Bezahlbarkeit des Wohnens, seien es die höheren Baukosten – als kaum überwindbare Hindernisse ins Feld geführt. Zweifellos müssen die bereits erwähnten Rahmenbedingungen hier dafür sorgen, dass aus dem Spannungsfeld kein unlösbarer Widerspruch wird – Vorschläge dazu gibt es bereits. Aber wir sollten nicht aus dem Auge verlieren, dass die Bewältigung des Klimawandels auch eine Aufgabe darstellt, welche die Baukultur selbst – sozusagen ein Stück weit mit „Bordmitteln“ – angehen und lösen kann. Durch kritische Reflexion, Selbstbesinnung, den Austausch mit anderen Disziplinen und Problemfeldern, durch die kluge, fallweise gewählte Kombination aus menschlichem Maß und technischer Raffinesse. Viele Architekten etwa (und nicht sie allein) beklagen, dass unsere gebauten Städte im Zeichen von Klimaschutz und Energiewende hinter einem Wall an Dämmstoffen verschwinden werden. Baukultur ade, sozusagen.

Aber das muss nicht sein. Baukultur kann sich weiterentwickeln, wenn dies als Anregung begriffen wird, in alternative Baumaterialien und Verfahren zu investieren, Forschungs- und Pilotvorhaben loszutreten, die mit weniger brachialen Methoden – z.B. auch im Rahmen der Innendämmung – die notwendigen Schritte zur Emissionsminderung im Bestand gehen.

Dass Bauen im Übrigen immer teurer werden muss – und der Neubau folglich die Probleme des Mietanstiegs in unseren Städten nicht lösen kann – wird immer wieder behauptet, und der Klimaschutz scheint dem bezahlbaren Wohnen den letzten Sargnagel zu verpassen. Lassen wir an dieser Stelle einmal die eigentümliche Tatsache beiseite, dass Menschen, die sich sonst nie ums untere Drittel der Gesellschaft kümmern, angesichts der baukulturellen Herausforderungen des Klimaschutzes plötzlich ihr Herz für die Armen entdecken. Sprechen wir auch nicht von der drohenden Energiearmut derjenigen, die in energetisch schlecht sanierten Wohn- und Geschäftsgebäuden angesichts steigender Energiepreise leben und arbeiten müssen.

Reden wir nur über die Kosten. Wo bleiben sie eigentlich, die Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die uns zukunftsfähige Materialien und Verfahren bieten, die energetisch auf dem neuesten Stand und gleichzeitig kostengünstiger sind? Schafft das nur die Computerbranche – mehr Leistung für weniger Geld? Baukultur ist nicht nur etwas für ältere Herren mit schwarzen Le Corbusier-Brillen, die der Architektursprache eines Gebäudes kundig sind. Sie sollte auch etwas sein für Menschen in weißen Kitteln oder dreckigen Lehmschürzen. Und für mutige Bauherren und Stadtplaner, die genug Raum für experimentelles Bauen schaffen.

 

Fritz Reusswig
Dr. phil., Philosoph und Soziologe, Potsdam

Studium der Soziologie und Philosophie in Frankfurt am Main, seit 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dort schwerpunktmäßig mit den Themenfeldern Lebensstile und Konsum sowie Klimawandel und Stadtentwicklung befasst. Projektleitung für das integrierte Klimaschutzkonzept der Stadt Potsdam und die Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“.




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