05 / Martina Löw: Baukultur ist

... eine Chance für Gesellschaft

Architektur ist sozial produktiv. Ob in der höfischen Gesellschaft oder im afrikanischen Dorf: Durch Architektur gibt sich Gemeinschaft und Gesellschaft nicht nur einen Ausdruck, sondern Menschen erschaffen sich durch Bauen als Kollektiv. In manchen Kulturen wird großer Wert auf Bestand gelegt, auf Tradierung baulicher Formate, andere suchen permanente Innovation, glauben an Fortschritt und Neubau.

Kompliziert wird die Lage in Gesellschaften, die als moderne Gesellschaften auf Fortschritt hin ausgelegt sind, deren Bevölkerung aber nicht mehr an die Zukunft glaubt. In Deutschland geben  73% der Bevölkerung an, dass sie annehmen, die nächste Generation werde es schlechter haben, in Frankreich 80%, in Italien 69%. In China glauben das gerade 6%. Wer nicht an die Zukunft glaubt, wird über die Vergangenheit Gewissheit suchen. Baukultur heißt hier weder sturer Neubau noch Rekonstruktion, sondern arbeiten in Widersprüchen und mit Brüchen. Baukultur heißt, trotz allem dem Kollektiv in der Zukunft durch Angebote an räumlichen-baulichen Strukturen noch eine Chance zu geben. Da diese Angebote eine hohe Sensibilität und großen Kenntnisreichtum in Bezug auf die Gesellschaft und ihre Orte benötigen, braucht Baukultur Diskussion, nachvollziehbare Verfahren der Erhebung der Ist-Situation, Kreativität und Kraft gegen die Homogenisierung gleichermaßen.

Wir leben in einer urbanisierten Welt. Oft sind wir uns kaum gewahr, wie sehr Städte den Alltag beeinflussen können. Baukultur heißt auch, sich darüber zu verständigen, dass räumlich-bauliche Strukturen nicht nur einen Ort, sondern ganze Regionen prägen. “Es gibt kein Leben, in dem nicht eine Stadt eine Rolle spielt, und es macht wenig aus, ob man ihr wohl oder übel gesinnt ist, sie zieht die Gedanken an sich nach einem geistigen Gesetz der Schwere.“ Karen Blixen musste es wissen. Sie, die auf einer Farm in Afrika lebte, spürte nur zu deutlich, wie stark Nairobi ihr Leben beeinflusste. Ihr war klar, dass unabhängig davon, ob sie Nairobi mochte, hasste oder mit Gleichgültigkeit begegnete, diese Stadt doch ihre Leben prägte. Schriftsteller hatten schon immer ein gutes Gespür dafür, dass es keineswegs zufällig und auch nicht gleichgültig ist, welche Stadt wir in unser Leben lassen. Thomas Mann hat zeitlebens damit gehadert, dass Lübeck zu einer persönlichen Lebensform, -stimmung und -haltung geführt habe, die nicht nur sein Werk „Buddenbrooks“, sondern alle seine Bücher beeinflusst hat. Und kaum jemand hat besser als Georges Rodenbach beschrieben, dass jede Stadt ein Seelenzustand ist. In tiefer Trauer lässt er die Hauptfigur seines Romans nach Brügge ziehen, weil diese Stadt ihm in Schweigen und Schwermut ähnlich zu sein scheint. „Dieses schmerzensreiche Brügge war seine Schwester“, schreibt er, „gegenseitiges Durchdringen von Seele und Dingen! Wir dringen in sie ein, wie sie in uns“. Die Seele von Petersburg – die Welt von Rom, Charakterbeschreibungen der städtischen Bauten, Plätze und Wege sind die Literatur eingegangen.

Noch neigen Städte dazu, sich von anderen Städten zu unterscheiden. Trotz allen Stadtmarketings: Für die Erfahrung von Differenz sind nicht deren (im Prinzip homogene) Bilder wichtig, sondern die Vielfalt der Raumstrukturen. Wie Wege gezogen und Parks angelegt werden, wie sich Zentrum und Peripherie unterscheidet, welche Erwartungen an Architektur gestellt werden, wie die Landschaft gestaltet ist – all diese Raumstrukturen lassen uns Städte sehr verschiedenen erleben. Aber auch Zeitstrukturen sind von Bedeutung: Welche Geschichte weist eine Stadt auf? Welche Ereignisse werden erinnert? Wie schnell oder wie langsam ist der Rhythmus? Berlin hatte schon in den 1920er Jahren „Tempo, Tempo“ als Parole – München dagegen würdigt die Kultur der Langsamkeit. Nicht zu vernachlässigen sind Sozialstrukturen: Da wäre Wirtschaftskraft, das Verhältnis von arm und reich, jung und alt, Frauen und Männern, religiöse Zugehörigkeiten, multikulturelle Zusammensetzung. In Städten bilden sich typische Formen zu Wirtschaften heraus, stadtspezifische Erfahrungen mit Armut oder Zuwanderung, lokalspezifische Interpretationen religiöser Vorschriften etc.. Baukultur heißt nicht, von der Stange zu bauen, sondern passförmig zu schneidern. Das ist schwer. Das ist eine Aufgabe, bei der sich interdisziplinäre Kooperation lohnt.

Baukultur ist eine auf die Zukunft gerichtete Aufgabe. In ihr wird sich die Gesellschaft von morgen zeigen. Bauen muss als Kultur verstanden werden, weil für morgen geplant wird und hierbei die Erwartungen von heute und die Prägungen aus der Vergangenheit berücksichtigt werden müssen; auch weil Städte in die Welt hinein wirken und Generationen sich in der Materialität und Symbolik des Gebauten treffen. Baukultur ist nichts Schönes und nichts Gutes, sondern die Zumutung an einen Berufsstand und an eine Gesellschaft, die Komplexität des gemeinsamen Lebens zu gestalten.

 

Prof. Martina Löw
Darmstadt

geb. 1965 in Würzburg. Professorin für Soziologie, TU Darmstadt. Sie ist Sprecherin des interdisziplinären Stadtforschungsschwerpunktes an der TU Darmstadt und des LOEWE-Schwerpunktes Eigenlogik der Städte. Sie ist Mitglied des Kuratoriums Nationale Stadtentwicklung sowie der IBA 2020, Jurorin und Beraterin in zahlreichen Stadtentwicklungsprojekten. Wichtige Veröffentlichungen sind: „Soziologie des Raums“ (2001) sowie „Soziologie der Städte“ (2008/2010).




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