03 / Luzia Braun: Baukultur ist

... ein Schuss Anarchie

Ein Mann war nicht der Auslöser für meine Liebe zu Italien. Es war eine Piazza in Rom. Wir waren mit der Klasse auf Abitursfahrt, ich saß auf dem Campo dei Fiori und war glücklich. Die Marktfrauen schrien, die Mütter rauchten, die Männer flirteten. Ein Kellner, der besser aussah als James Dean, tänzelte mit seinem Tablett durch tobende Kinder und verschenkte großzügig sein ciao bella und ciao gioa. Plötzlich wusste ich: Hier will ich hin, das ist mein Land: bunt, lebendig und spielerisch. „Baukultur“ wie aus dem Bilderbuch: Plätze zum Wohlfühlen, Orte für Inszenierungen des Alltags; Raum für Gespräche, Begegnungen, Rituale, Geschichten. Die Stadt als Volksbühne.  

Nach dem Abitur zog ich nach Rom, später nach Mailand. Meine Verliebtheit steigerte sich zur echten Leidenschaft, die jahrelang mein Leben bestimmte. Dass ich mich heute wie eine enttäuschte Geliebte immer mehr abwende von Italien, hat nicht nur mit seiner Berlusconisierung zu tun. Sondern auch mit Berlin.

Nach 15 Jahren Mailand fand ich ausgerechnet hier, was Walter Benjamin an Neapel so mochte: das Anarchische, Dörfliche, Poröse. Benjamin schwärmt für die „poröse Stadt“ mit durchlässigen, offenen Räumen.

Und genau die hat Mailand nicht. Weder architektonisch, noch gesellschaftlich. Das zeigt sich vor allem abends, wenn man ausgehen will. Che noia! Man hat nur die Wahl zwischen zwei Welten: auf der einen Seite die Kultur der signori, also sündhaft teure, durchkommerzialisierte Hoch- bzw. Eventkultur in Restaurants und Clubs, die alle gleich aussehen, mit Leuten, die alle das gleiche tragen; auf der andern Seite die ins Abseits gedrängte low- bis no-budget – ragazzi – Kultur der autonomen Zentren. Es gibt nichts dazwischen. Keine Berührung der Szenen, keine Vermischung der Schichten, null experimentelle Energie oder Dynamik. Dafür Stillstand, wohin man schaut: in der Kunst, Architektur und Mode. Nicht mal im Design ist Mailand noch Avantgarde. (Daran ändern auch Hunderttausende von party–people aus der ganzen Welt nichts, die einmal im Jahr zum „Salone Internazionale del Mobile“ pilgern).

Gegen Milano, das zumindest im Zentrum wie eine Diva auftrumpft, ist Berlin eine Schlampe. Dreckig, verkommen, arm. Das ideale Gelände für sumpfige Typen, wie Wolfgang Neuss mal so schön sagte. Und trotzdem (oder gerade deshalb) fantasievoller, internationaler und jünger als Mailand und Rom zusammen.

Die italienische Stadt – einst Vorbild für die europäische Stadt – ist immer mehr wie die botoxgesteifte Nicole Kidman: schön und langweilig. Doch gerade in der Baukultur ist Schönheit nicht alles. Und Geld auch nicht. Im Gegenteil.

Das zeigt auch eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Das sollte 2009 im Auftrag der Bundesregierung die Wirkung von Millionen von Fördergeldern für strukturschwache Regionen untersuchen und kam zu dem für die Politik unbequemen Ergebnis, dass die Hälfte der Mittel ohne messbaren Erfolg versickern. Deshalb, so der Vorschlag des Leiters der Studie, Reiner Klingholz, sollte man schwach bevölkerten Regionen nur noch eine Grundversorgung bereitstellen, sie aber nicht mehr fördern. Diese „brutale“ Erkenntnis behagte dem Ex-Bundesminister Wolfgang Tiefensee so wenig, dass er sich öffentlich von der Studie distanzierte und ihre Veröffentlichung blockierte.

Klingholz hingegen fordert ein Umdenken und kommt (siehe Interview mit brandeins 10/2009) zu dem Schluss: Innovative Konzepte müssten von den Kommunen selbst erstellt werden.  “Ohne kreative Bürger vor Ort, keine Entwicklung“, so sein Fazit. Er wünscht sich deshalb „statt Investitionen in die Infrastruktur mehr Investitionen in Menschen und Ideen“.  

Womit wir beim Thema Kooperation und  Bürgerbeteiligung wären, ein Thema, das bei jeder Podiumsdiskussion für Zündstoff sorgt.

Aber wird diese ominöse Bürgerbeteiligung nicht vor allem von jenen glorifiziert, die in der Praxis nichts mit ihr zu tun haben? Ist das gemeinsame Planen mit Bürgern für die meisten Architekten, wenn sie ehrlich sind, nicht ein einziger Albtraum?

Ob nun der Ruf nach kreativen Bürgern nur ein erneuter Anfall von Sozialromantik darstellt oder ob in dem Revival der guten alten Bürgerinitiative die Zukunft der Stadtplanung liegt (wäre mal ein Thema für ein Panel) - eins ist sicher, die vielbemühte Partizipation basiert auf der ebenso schlichten wie ergreifenden Erfahrung: Je mehr mich etwas direkt angeht, desto größer ist meine Lust, mich dafür einzusetzen.  

Bekanntlich kann man Toleranz und Integration nicht bauen. Aber man kann politisch, gesellschaftlich u n d architektonisch Voraussetzungen schaffen. Berlin tut das immer weniger, verspielt das Kapital der Stadt, ihre kulturelle Vielfalt nämlich, indem sie jedes unbebaute Gelände als gewinnbringende Immobilie oder als „Eventareal“ nutzt  und so die einst zahlreichen offenen, porösen Räume rigoros reduziert, ja zerstört und zubetoniert (wie das Geld als „radikaler leveller“ alle Unterschiede auslöscht, kann man bei Marx nachlesen).

Umso erstaunlicher, dass es sie noch gibt, die Felder, auf denen – buchstäblich –  Gemeinschaft wächst – wie z.B. im Prinzesinnengarten in Berlin Kreuzberg.

Dort bauen Leute aus dem Kiez auf einer Brache biologisches Gemüse an und stärken so die Nachbarschaft. An den kollektiven Gartenbauaktionen beteiligt sich der Jungakademiker ebenso wie die alte Türkin. Verschiedene Milieus treffen aufeinander, lernen sich kennen in einem gemeinsamen Erlebnisraum jenseits des Definierten, Geprägten, städtisch Geplanten. Dass solche Bürger-Projekte den geschmeidigen Umgang mit bzw. die zumindest zeitweilige Freiheit von Regeln, Gesetzen und Richtlinien impliziert, versteht sich von selbst. Denn nur, wenn man die Leute machen lässt, nur mit einem Schuss Anarchie gedeiht urbanes Leben. Oder um dem ebenso abgenudelt wie wahren 70er Jahre Nietzsche – Graffiti an der Freiburger Uni wieder mal die Ehre zu geben: „Nur wer Chaos in sich trägt, kann einen tanzenden Stern gebären.“

Luzia Braun
Journalistin, Berlin

geboren 1954 in Messkirch/Baden. Nach dem Abitur geht sie als Au-pair-Mädchen nach Rom, ohne Italien geht nichts mehr. Zunächst studiert sie Germanistik und Geschichte in Freiburg. Nach ihrem M.A. unterrichtet sie Italiener im Knast, arbeitet für Zeitungen und Rundfunk. 1984 geht sie nach Mailand und lehrt dort an der Universität im Auftrag des DAAD "Deutsche Literatur und Sprache". Sie macht Filme über Italien für deutsche Fernsehsender. („ First Ladies der Mafia“). Für den Film „Die Babymacher“ erhält sie den „Prix Leonardo“ in Silber. Seit Ende 1993 moderiert sie das ZDF Kulturmagazin „aspekte“. An der Bauhausuniversität in Weimar und an der UDK Berlin unterrichtete sie „Kulturjournalismus“.




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