09 / Christian Illies: Baukultur ist

... ein gefährliches Wort

Denn „Baukultur“ kann, ebenso wie „Kultur“, „Kunst“ oder „Moral“, zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen annehmen, je nachdem, ob man die Begriffe beschreibend oder bewertend gebraucht.

In einem beschreibenden Sinne kann man jeder umfassenden baulichen Gestaltung unserer Umwelt eine bestimmte „Baukultur“ zusprechen. Zu ihr gehört alles Gebaute von den Häusern bis zu Hochspannungsmasten. Sie ist stets Teil der allgemeinen Kultur und damit Ausdruck der Möglichkeiten und Ideen einer jeweiligen Gesellschaft. Aber sie spiegelt [diese] nicht nur, sie wirkt auch prägend auf die Menschen ihrer Zeit.

Wer die Baukultur zu lesen versteht, begreift den Menschen und seine Zeit besser. Heute versucht das die Architektursoziologie. Bereits Hegel entdeckte die ganze griechische Geisteswelt in der Architektur des antiken Tempels. Das ist Baukultur in einem beschreibenden Sinne – bewertet wird erst dort, wo wir ein Qualitätsurteil fällen. Dann wird der Begriff „Baukultur“ zu einer Auszeichnung, die wir der Ganter-Brücke im Wallis, dem Place des Vosges oder dem Freiburger Quartier Vauban verleihen.

Womit wir nach einem Lichten der Bedeutungsfrage zur Lichtung der Sachprobleme vorstoßen können: Was sind Merkmale einer hohen Baukultur? Und: Was lässt sich praktisch tun, um zu einer hohen Baukultur zu gelangen?

Die erste der Frage geht der zweiten offensichtlich voraus. Aber was sind solche Qualitätsmerkmale? Wenn wir einmal von der technischen Funktionalität des Gebauten absehen, stechen vor allem folgende ins Auge:

  1. Ästhetische Kraft und Sorgfalt bis ins Detail. Eine hohe Baukultur braucht eine gestalterische Leitidee, welche die Teile für den Betrachter als Ensemble erlebbar macht. Dies kann durch Material oder Form geschehen, durch Ähnlichkeit, aber gelegentlich auch durch den subtilen Kontrast- ein gegenwärtig oft übertriebenes und wenig subtil gebrauchtes Stilmittel. Die Leitidee sollte sich bis in die Details durchziehen – man denke an die filigranen Lamellen auf dem Neuen Stellwerk der SBB Basel (Herzog und de Meuron).
  2. Eine räumlich-geschichtliche Einbettung. Für Baukultur gilt wie für Kultur allgemein, dass sie „aus dem Bezug zur Geschichte und aus dem Dialog mit der Geschichte“ lebt (Matthais Betz). Eine hohe Baukultur sollte, wie bei Christoph Mäcklers Alten Brücke in Frankfurt, diesen Bezug zum konkreten geschichtlichen Ort und seiner Traditionen aufweisen.
  3. Menschliches Maß.  Die qualitätsvolle Bauwelt muss von Menschen begriffen und benutzt werden können. Das hat viele Facetten: Menschen sollten sich in der gebauten Umwelt orientieren können, aber auch wohlfühlen dürfen.
  4. Die gelungene Zwiesprache mit der Natur. Die Forderung nach umweltfreundlicher und Ressourcen schonender Technik und Bauweise ist weitgehend anerkannt. Aber der Bezug zur Natur sollte, sofern sinnvoll, auch gestalterisch gelingen. Ein schönes Beispiel dafür ist das Cape Town Fußballstadium von Gerkan, Marg und Partner.
  5. Eine Zukunftsfähigkeit. Die Forderung nach Nachhaltigkeit ist heute Allgemeingut, aber dieser Blick in die Zukunft muß um eine gestalterische Dimension erweitert werden: Materialien können zum Beispiel so gewählt werden, dass sie durch das Altern schöner werden. Und wer den Blick weit nach vorn richtet, verzichtet vielleicht auch auf modische Launen, die allzu sehr der eigenen Zeit verhaftet sind.

Was es konkret heißt, die Qualitätsmerkmale zu erfüllen, wird sich in der jeweiligen Situation entscheiden müssen. Aber sich ihrer bewusst zu werden, wäre schon ein großer Schritt - womit wir bei der zweiten Frage sind. Gerade weil die Baukultur Ausdruck einer Zeit, ihrer Menschen und Vorstellungen ist, wäre schon viel für das Erreichen einer höheren Baukultur gewonnen, wenn wir uns ernsthaft fragen, was es bedeutet, qualitätsvoll zu bauen. Das ist nicht selbstverständlich, denn es dominiert immer noch die Meinung, dass alle Wertmaßstäbe letztlich subjektiv seien. Und dann wäre die Suche nach Maßstäben sinnlos oder wenigstens nicht rational zu lösen.

Doch dieses Vorurteil sollten wir nicht übernehmen – denn gerade die unbestrittenen Beispiele schlechter Baukultur aus den letzten Jahrzehnten machen deutlich, dass objektive Qualitätsurteile auch im ästhetischen Bereich existieren. Suchen wir also nach allgemeinen Maßstäben guten Bauens - nicht zuletzt weil das ernsthafte Bemühen die kulturelle Sensibilität für Qualität steigern wird! Und dann dürfen wir hoffen, wieder im wertenden Sinne von einer hohen Baukultur sprechen zu können.

 

Christian Illies
Prof. Dr. der Philosophie, Bamberg

geb. 1963 in Kiel. Nach dem Studium der Biologie, Kunstgeschichte und Philosophie in Konstanz promovierte er in Philosophie in Oxford und habilitierte an der RWTH Aachen zu Begründungsproblemen der Ethik. Er lehrte an den Technischen Universitäten Eindhoven und Delft Kultur- und Technikphilosophie bevor er 2008 den Lehrstuhl für praktische Philosophie an der Otto-Friedrich Universität Bamberg übernahm. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ethik, Philosophie der Biologie, Anthropologie und Philosophie der Architektur.




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