32 / Jo Coenen: Baukultur ist

... die Verantwortung des Architekten für die Gesellschaft von morgen

Wenn man über niederländische Baukultur spricht, spricht man vom Zusammenspiel verschiedener Akteure: der allgegenwärtigen Behörde, den organisierten Eigentümern und einem großen Umfeld von Architekten und Ingenieuren. Ich habe dieses Phänomen ‘Dutch Model’ genannt, in dem bei den größeren – die Stadt und die Öffentlichkeit betreffenden – Bauprojekten alle Parteien gleich wichtig und die Machtverhältnisse ausbalanciert waren. So wie die Holländer es schon seit Jahrhunderten gewohnt sind, erreichte man sein Ziel nur gemeinsam mit „den Anderen“, entweder dem Nachbarn oder dem Staat. Die Art und Weise dieser integralen Kooperation war einzigartig für die Niederlande, und es war der Schlüssel zu vielen komplexen Großprojekten, wie das Centre Céramique in Maastricht oder die östlichen Hafengebiete in Amsterdam.

Weil in diesem Modell stets mehrere Sachverständige beteiligt sind, waren die städtebaulichen und architektonischen Ansprüche hoch. Das heißt, dass die Qualität der Architektur eine bloße Fassadengestaltung überstieg. Das Verfahren und die Zusammenarbeit errangen international einen gewissen Ruhm. In allen diesen Prozessen hat der Architekt traditionell das ganze Projekt über- und durchblickt, sich also wie ein klassischer Baumeister à la Vitruv nicht nur um Grundrisse und Farben gekümmert, sondern er hat für das ganze Spektrum der Errichtung eines Gebäudes die Verantwortung übernommen.

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich diese Verhältnisse aber gewandelt. Durch eine weitgehende Spezialisierung der am Bau Beteiligten hat sich die Rolle des Architekten geändert und er hat in den Niederlanden langsam den Überblick verloren. Diese Veränderung hat begonnen als ich Rijksbouwmeester (“Reichsbaumeister”) war. Damals habe ich mich sehr um die Zukunft unserer Nachwuchsarchitekten gesorgt. Wie Hendrik Petrus Berlage schon sagte, ist eine wichtige Aufgabe des Reichsbaumeisters, die Baukunst und Architektur zu schützen und zu fördern. Ich erkannte damals, dass die Distanz zwischen den Universitäten und der Praxis zu groß geworden ist. Den Universitäten mangelte es an Selbstreflexion, und das in einer Zeit, in der eben diese sehr wichtig gewesen wäre, da die richtungsweisende und sinnstiftende Kraft der Baukunst verblasste.

Von Anfang an habe ich mich als Reichsbaumeister sehr darum bemüht, diese ästhetische, kulturelle und soziale Verantwortung wieder beim Staat unterzubringen. Durch die neue Organisation vieler Projekte – architektonisch, städtebaulich, landschaftlich, infrastrukturell und monumental – gelang es uns, hochwertige Architektur und wichtige Zusammenhänge wieder zu aktivieren. In Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Architekten und Designern hat sich sogar eine neue Grammatik entwickelt, die wir im bewussten Umgang mit Gebäuden und derer Beziehung zu kontemporärer Gestaltung und Nutzung anwenden können.

Eine der Maßnahmen, um das Fach Architektur besser zu integrieren, zu entwickeln und zu vitalisieren, war die Idee einer “Berufs-Erfahrungs-Periode”, einer Post-Master-of-Science-Ausbildung. Diese Ausbildung wird vom Staat gefördert und ist ganz normal in vielen europäischen Ländern. Dieses BEP (Anm. der Red.: gleich dem Architekt-im-Praktikum in Deutschland) wurde gesetzlich formalisiert und soll jetzt umgesetzt werden.

Wichtiger Bestandteil dieser Ausbildung ist der notwendige Blick auf den Beruf. In den letzten Jahrzehnten haben sich Architekturfakultäten auf “Design-Based-Research” konzentriert; eine interessante Methode, aber inkomplett. Nicht alle Studenten haben einen investigativen Charakter. Und das Formulieren von praktischen Antworten auf aktuelle Fragen ist nur ein Bruchteil des akademischen Lebens. Es geht meines Erachtens um die interdisziplinäre Herangehensweise des Architekten, um sein breites praktisches Wissen. Das Architekturstudium braucht mehr Zeit und Inhalt als nur das Erwerben einiger “Lernziele”. Man soll nicht nur die beste Lösung suchen, man soll sich auch fragen “warum”. Zum “warum” gehört aber auch “für wen”. An diesem Punkt fängt die traditionelle breite und diversifizierte Mentalität des Architekten an zu wachsen.

Um dieses Bewusstsein wieder herzustellen habe ich die BEP initiiert, und ich hoffe, dass der (ökonomische) Zeitgeist uns genügend Gelegenheit gibt, um jungen Architekten diese Erfahrung und Weiterbildung zu ermöglichen.

 

Jo Coenen
niederländischer Architekt, Städteplaner und Professor für Architektur an der Technischen Universität in Delft

Geboren 1949 in Heerlen in den Niederlanden studierte Jo Coenen Architektur an der Technischen Universität in Eindhoven und machte 1975 dort seinen Abschluss. Jo Coenen arbeitete nach seinem Architekturstudium für kurze Zeit für van Eyck & Bosch, bevor er sich 1979 mit einem eigenen Büro in Eindhoven selbständig machte. Weitere Büros in Berlin, Luxembourg, Amsterdam und Mailand folgten. Als Hochschullehrer war und ist er in den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz tätig. Von 1987 bis 1995 hatte er den Lehrstuhl für Gebäudelehre an der Technischen Universität in Karlsruhe. Seit 2001 ist er Professor für Architektur an der Technischen Universität in Delft. 2004 erhielt er den Titel Ehrendoktorwürde der Open Universität der Niederlande. Jo Coenen gewann verschiedenste Architekturpreise, wie z.B. den WAN Civic Building Award für die Öffentliche Bibliothek in Amsterdam 2009.




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