33 / Martin Haag: Baukultur ist

... die Suche nach Gemeinsamkeiten in der Stadt

Baukultur ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Nur, was versteht man eigentlich darunter? In einem eher enger gefassten Sinn lässt sich Baukultur sicher als Qualität der gebauten Umwelt einerseits und als die Kultur der dabei wirkenden Schaffens-, Entstehungs-, Diskussions- und Beteiligungsprozesse andererseits beschreiben.

Dass der Begriff Baukultur heute Gegenstand der Diskussion ist, kann ein schlechtes wie gutes Zeichen zugleich sein. Ein schlechtes, weil es ganz offensichtlich nicht immer zum Besten mit der Baukultur bestellt ist und man sich ihrer deshalb gezielt annehmen möchte oder gar muss. Ein Gutes, weil es nicht wenige Beteiligte, Betroffene und Initiativen gibt, die den Wert von Baukultur erkannt haben und sich eben daran beteiligen wollen.

Die Qualitäten des Gebauten lassen sich grob in vier wesentliche Aspekte unterteilen: den bautechnisch-funktionalen, den ökologischen, den soziologischen und den ästhetischen. Setzt man den Beginn der Moderne in Architektur und Städtebau mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gleich, so hat die Bautechnik in den seitdem vergangenen hundert Jahren enorme Fortschritte gemacht. In den letzten Jahrzehnten trifft dies Schritt für Schritt auch für den Bereich des ökologischen Bauens und das Thema Nachhaltigkeit im Sinne der Reduzierung von Energie- und Ressourcenverbrauch zu. Und zumindest für große Teile Europas gilt trotz aller aktueller Probleme in den Wachstums- und Ballungsräumen: noch nie hat ein so großer Teil der Menschen unter menschwürdigen Verhältnissen wohnen und arbeiten können wie heute. Ganz offensichtlich sind es also weniger diese Bereiche, sondern insbesondere die ästhetischen, die gestalterischen Qualitäten heutiger Architektur und Städtebaus, die den Ruf nach mehr Baukultur laut werden lassen. Und tatsächlich, bei nüchterner Betrachtung müssen wir feststellen, dass wir mit allem Fortschritt im technischen, im ökologischen und sozialen Bereich einiges von der Selbstverständlichkeit verloren haben, lebendige, lebenswerte und attraktive Städte zu schaffen und weiterzubauen.

Oberflächlich betrachtet setzt dieser Prozess mit dem schrittweisen Durchsetzen der Moderne in Architektur und Städtebau ein. Und natürlich hat die mit ihr verbundene Abkehr von einem Teil der überkommenen, oft handwerklich begründeten Gestaltungsregeln und noch mehr von den als akademisch empfundenen gelehrten Regelwerken nicht wenig mit dem gestalterischen Dilemma heutiger gebauter Umwelt zu tun. Denn sicher mangelt es nicht an hervorragenden Werken moderner Architektur oder an beispielgebenden und auch ästhetisch hoch gelungenen Siedlungsbauten. Oft bleibt dies aber auf herausragende Einzelgebäude beschränkt und setzt sich nicht selbstverständlich in die Alltagsarchitektur fort. Die Industrialisierung, deren ästhetischer Ausdruck die Moderne mit ihrem Verzicht auf Ornament und dem Hang zur Serie letztlich war und ist, ermöglichte es überhaupt erst im großen Maßstab bautechnisch qualitätvolles Bauen bereitzustellen. Diese Verdienste sind unbestritten, aber man muss auch feststellen, dass diese Entwicklung jenen selbstverständlichen Entstehungsprozess qualitätvoller Alltagsarchitektur aus handwerklichen Notwendigkeiten, tradierten Regeln und regionaltypischen Materialien endgültig hinweg fegte. Baukultur als quasi „Selbstläufer“ gibt es nicht mehr – sie entsteht nur noch als Ergebnis sorgfältigen, kompetenten und zielgerichteten Planens und Handelns. Die heutigen Architekten und Stadtplaner sind mit Sicherheit nicht weniger talentiert und engagiert als die Baumeister früherer Zeiten – nur die Aufgabe, unter heutigen Bedingungen ein gleich stimmiges Gesamtergebnis „Stadt“ zu schaffen, ist wesentlich schwieriger geworden.

Zugleich mit dem gewandelten, industriellen Entstehungsprozess von Gebäuden und Bauwerken haben sich darüberhinaus zwei wesentliche Merkmale ganz gravierend verändert: die Maßstäblichkeit des Städtebaus und der Baukörper sowie die Detaildichte. Vergleicht man zunächst die Entwicklung der Maßstäblichkeit mit der Entwicklung der Menschen in der Stadt, so sind auch diese in den letzten hundert Jahren im Durchschnitt um etwa 12 Zentimeter größer geworden. Wollte dieses Wachstum aber mit dem Wachstum unserer Bauten und ihrer Maßstäbe mithalten, müsste der Stadtmensch eher im Meterbereich zulegen. Wenn sich heute Menschen vielfach von historischen Stadtvierteln um vieles mehr angezogen fühlen und die – auch schon teilindustriell erstellten – Gründerzeitgebiete vielerorts die mit Abstand begehrtesten Wohnviertel sind, liegt das nicht an einer vemeintlichen Rückwärtsgewandheit oder Suche nach einer sentimentalen Beschaulichkeit – die gleichen Menschen nutzen mit Begeisterung die Segnungen moderner Technik und des medialen Zeitalters. Es liegt zum großen Teil daran, dass Architektur und Städtebau die elementaren Regeln einer Orientierung von öffentlichem Raum und der Gebäudedimension am menschlichen Maßstab einhält. Hinzu kommt als zweiter Faktor die Durcharbeitung und Plastizität der Fassaden, die sich an grundlegenden warhnehmungsphysiologischen Erfahrungen orientiert. Dies alles muss keine Frage von „alt“ oder „modern“ sein, sondern welchen Stellenwert wir diesen beiden Schlüsselwerten auch in der zeitgemäßen Architektur geben wollen.

Hinzu tritt ein dritter, besonders wichtiger, aber wohl am schwersten zu erfüllender Aspekt: überall dort wo Menschen sich in ihrer gebauten Umwelt wohl fühlen, treffen oft auf vielen kleinen Parzellen Vielfalt im Detail einerseits und gestalterische Gemeinsamkeiten andererseits aufeinander. Diese übergreifenden verbindenden Elemente – eine prägende Dachlandschaft, regionaltypische Materialien, wiederkehrende oder aber variierte Architekturmerkmale – sind für viele Menschen die Basis für die hohe Akzeptanz historisch gewachsener Städte, wie auch gelungener neuer Siedlungsbereiche. Wie stark die Kraft nur weniger gemeinsamer Gestaltungsmerkmale ist, wird deutlich, wenn man Besucherinnen und Besucher der Stadt Freiburg nach einem Rundgang durch die Innenstadt mit der Tatsache konfrontiert, dass diese nicht nur zu über 70 Prozent vom Zweiten Weltrieg zerstört war, sondern bis auf wenige herausgehobene Einzeldenkmale in neuer Architektur wieder aufgebaut wurde. Allein die Tatsache, dass der historische Stadtgrundriss, die Parzellengröße und die Maßstäblichkeit der Häuser bewahrt, und die Dachform als verbindendes Element einheitlich gewählt wurden sowie ein qualitätsvoller öffentlicher Raum vorhanden ist, erzeugt offenbar ein so starkes Bild einer intakten, gewachsenen Stadt, dass viele es mit der Erfahrung des Nachkriegsstädtebaus nicht vereinen und daher nur als „historisch“ einordnen können.

Lassen sich solche übergreifenden Qualitäten – quasi eine gemeinsame Sprache der Stadt als Kern einer Baukultur umsetzen? Lassen sich diese Erfahrungen auch auf das Weiterbauen unserer Städte unter neuen, besonders in den Wachstumszentren schwierigen Bedingungen übertragen oder sind sie Merkmale einer vergehenden, mit jedem verloren gehenden historischen Gebäude dahinschmelzenden Kultur? Ist das Bild einer stimmigen, bei aller Vielfalt letztlich „harmonischen“ Stadt noch zeitgemäß, oder ist die Stadt als Ansammlung gelungener wie weniger gelungener, immer aber weitgehend auf sich bezogener architektonischer „Einzellobjekte“ nicht der logische Ausdruck einer immer mehr sich individualisierenden und teilweise auseinanderstrebenden Gesellschaft? Wo finden wir Beispiele, die Anregungen und Hinweise geben können – in Vorarlberg oder in den niederländischen Stadterweiterungsgebieten? Und befördert die heute ubiquitäre Verfügbarkeit von Bautechniken und Materialien sowie das rasche sich Verbreiten von Moden und Strömungen in Verbindung mit der fortschreitenden Individualisierung nicht zwangsläufig das „anything goes“ in Architektur und Städtebau.

Die Notwendigkeit, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen scheint das über die Jahre kontinuierlich zunehmende Interesse an städtebaulichen und stadtgestalterischen Themen in breiten Teilen der Bürgerschaft nur allzu deutlich zu belegen. Über die Einzelvorhaben hinweg steht dabei immer öfter auch die Frage nach dem Gesamtbild der Stadt, nach ihrem gebauten Charakter als wesentlicher identitätsstiftender Faktor im Mittelpunkt. Die gebaute Umwelt ist derart bestimmend für die Lebensqualität wie für alle gesellschaftlichen Prozesse, dass unserer in allen sonstigen Bereichen wachsender Lebensstandard auch hier höhere und differenziertere Qualität verlangt.

Die Antworten sind allerdings noch nicht erkennbar und erfordern den Diskurs und das Engagement von und mit Bauherren, Architekten, Ingenieuren, Verwaltung und Bürgerschaft. Es kann kein Weg zurück in die Vergangenheit sein, sondern braucht einen klaren Blick nach vorne und die heutigen Rahmenbedingungen. Es ist sicher kein einfacher Weg aber es lohnt sich, den Wert dieser Prinzipien und Gemeinsamkeiten für Architektur und Städtebau zu dis-kutieren und nachzudenken, wie sie etabliert werden können. Die Baukultur kann dadurch nur gewinnen.

 

Prof. Dr.-Ing. Martin Haag
geb. 1964, Baubürgermeister der Stadt Freiburg i. Br.

Martin Haag arbeitete nach dem Studium der Raum- und Umweltplanung zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Verkehrswesen der Universität Kaiserslautern. Dort promovierte er 1996 zum Thema „Notwendiger Autoverkehr in der Stadt“. Er kam 1995 zur Stadt Freiburg i. Br. als Leiter der Generellen Planung ÖPNV beim Tiefbauamt.

1997 wurde er Leiter der Projektgruppe “Integriertes regionales Nahverkehrskonzept Breisgau-S-Bahn 2005“ des Zweckverbandes Regio-Nahverkehr Freiburg (ZRF). Ab dem Jahr 2000 war Martin Haag Leiter des Tiefbauamtes (seit 2006: Garten- und Tiefbauamt) der Stadt Freiburg mit den Aufgabenbereichen Gesamtverkehrskonzeption der Stadt Freiburg, Planung und Bau von Verkehrswegen für Individualverkehr, öffentlichen Verkehr und Grünflächen sowie Planung, Bau und Unterhaltung aller öffentlichen Straßen und Platzräume. Daneben war er von 2000 bis 2010 Geschäftsführer der REGIO-VERBUND GmbH. Von Oktober 2007 bis Dezember 2010 war er Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Mobilität & Verkehr (imove) an der TU Kaiserslautern. Darüber hinaus ist Martin Haag Mitglied der Arbeitsausschusses „Verkehrsplanung“ sowie „Sonderfragen des Stadtverkehrs“ der FGSV. Zudem ist er Mitglied der DASL Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung, des Architekturforums Freiburg sowie des Oberrheinischen Architekten- und Ingenieurvereins.

Martin Haag ist Mitherausgeber des „Handbuchs der kommunalen Verkehrsplanung“. Seit dem 1.1.2011 ist Martin Haag Baubürgermeister der Stadt Freiburg i. Br.




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