11 / Harald Bodenschatz: Baukultur ist

... die Suche eines Auswegs aus der Vorhölle

Der Sommer 2011 war heiß, ja nahezu eine Vorhölle: In Berlin brannten die Autos, in London die Häuser, auf den Geldmärkten der Welt verbrannten wieder einmal viele Milliarden Euros und Dollar. Sieger, Profiteure, Verlierer und Opfer waren jeweils sehr unterschiedlich. Eines jedoch einte diese Ereignisse: die relative Schwäche, um nicht zu sagen Hilflosigkeit der offiziellen Politik, der Regierungen in den großen Städten, in den Ländern, in Europa und den USA. Vorhölle – da wird manchem noch ganz anders warm, wenn man an den Klimawandel denkt. Dieses Thema ist mit Erfolg durch die Finanzkrise versenkt worden – das Thema, nicht aber der Wandel selbst. Auch hier deutet sich an: Die Politiker wollen oder können nicht langfristig handeln, sie verspielen die Zukunft unserer Kinder.

Ein Tor, wer da glaubt, das Abgleiten in die Vorhölle beträfe nicht auch die Bau- kultur. Wir haben seit Jahrzehnten unter dem Beifall der Propheten des Neoliberalismus den Aktionsradius der offiziellen Politik ge schrumpft. Bodenpolitik, Wohnungspolitik, Infrastrukturpolitik wurden zu historischen Begriffen oder wechselten ihre Bedeutung: Liegenschaftspolitik, Verkauf von öffentlichen Wohnungsbeständen, Privatisierung von öffentlichen Infrastrukturunternehmen. Aus der Berliner S-Bahn etwa wurde – der Eindruck ist kaum zu leugnen – eine Schrottbahn. Dazu kam der Abbau der Verwaltungen. Für all diese Maßnahmen mag es bisweilen auch gute Gründe gegeben haben. Ihre fundamentalistische Zuspitzung hat uns allerdings wichtiger Steuerungsinstrumente in einem unerhörten Ausmaß beraubt. Trotz besseren Wissens wird nun bereits zum zweiten Mal in Folge die Städtebauförderung angegriffen, vor allem das Programm Soziale Stadt. Ein Sieg für einige parteipolitische Ideologen, eine Niederlage für die Baukultur, ja weit mehr noch: ein Schlag gegen die großen Städte, eine Niederlage für die deutsche Gesellschaft insgesamt. Paris und London lassen grüßen.

Angesichts der Feuer der Vorhölle geht es heute nicht mehr nur um gute Architektur und guten Städtebau, sondern auch um die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Grundlagen, die eine gute Architektur und einen guten Städtebau für alle, nicht nur für wenige Privilegierte, ermöglichen. Ermöglichen, nicht garantieren. Denn auch mit der Professionskultur steht es nicht immer zum Besten. Gerade in Zeiten der Krise sind Aufträge aus diktatorisch regierten Ländern – das alte Libyen und China sind gute Beispiele – begehrt. In Zeiten der Schwäche der öffentlichen Hand ist auch die über Jahrzehnte relativ stabile Allianz zwischen Politik und einigen Architekten zerbrochen, eine Allianz, die uns in trügerischer Weise das, was als gut und das, was als schlecht zu gelten hat, diktiert hatte. Wir brauchen daher heute noch weit mehr Auseinandersetzungen darüber, was denn überhaupt gut ist, und warum und für wen. Und wie lange! Wir müssen um Kriterien ringen, die das Nützliche und Schöne des Vergangenen bewahrend erneuern und die nicht vergessen, dass wir nicht nur für uns heute bauen, sondern auch für künftige Generationen – also robust, flexibel, für unterschiedliche Nutzer, frei von tagesgebundenem Schnickschnack.

Hier mag mancher ermüdet abwinken. Der Architekt, so heißt es heute oft, kann doch die Welt nicht verändern. Das ist irgendwie richtig: als Dienstleister eines Bauherren hat er wenig Möglichkeiten, das Bauprogramm radikal zu verändern. Mit Blick auf die Profession sieht es schon ein wenig anders aus. Hier kann man sich vor den Augen der Öffentlichkeit selbst zerfleddern oder zusammen auf strategische Änderungen pochen. Der Kampf gegen die Kürzung der Städtebauförderung war ein sehr gutes, hoffnungsvolles Zeichen. Aus solchen Initiativen gilt es, stabile zivilgesellschaftliche Netzwerke aufzubauen – zusammen mit der Bundesstiftung Baukultur. Neoliberale Ideologen haben uns eingeredet, dass wir freiwillig auf Visionen verzichten sollen. Damit stellen wir uns aber selbst ins Abseits. Sicher, wir brauchen keine Visionen, die uns eine schöne Zukunft versprechen, wenn für diese großflächig alles abgerissen werden muss. Aber wir brauchen Visionen, wie unsere überkommenen Städte, Zeugnisse einer hohen Kultur, in die Zukunft geführt werden können – in Respekt vor dem Vorhandenen, mit dem Ziel, dieses wertvolle Überlieferte zu verbessern und nicht durch Kahlschlag zu ersetzen. Pragmatische Visionen sind das Lebenselixier der Baukultur. Die reflexive, harte, aber respektvolle Auseinandersetzung um solche Visionen reproduziert Baukultur. Zu diesen Visionen aber gehört heute zuallererst die Rekonstruktion einer aktionsfähigen öffentlichen Hand. Baukultur erfordert diese engagierte öffentliche Hand. Die Vorhölle ist dagegen eine Gefahr für jede Demokratie. Mehr Zivilgesellschaft ist sehr gut, aber nicht anstelle öffentlichen Engagements, sondern als Stimulus und Kontrollorgan der öffentlichen Entscheidungsträger. Dies ist auch eine Lektion von Stuttgart 21.

 

Prof. Dr. Harald Bodenschatz
Stadtplaner und Architektursoziologe, Berlin

geb. 1946 in München. Studium an der LMU München und der FU Berlin. Promotion 1978 in Oldenburg, Habilitation 1986 in Berlin. Seit 1972 Lehre und Forschung an der RWTH Aachen und an der TU Berlin, seit 1995 Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin. Seit 1980 planerische Praxis in der Stadterneuerung. Längere Lehr- bzw. Forschungsaufenthalte in Italien, Brasilien, USA, Peru, Argentinien, England. Redakteur für die Zeitschrift "Die alte Stadt“, Redaktionsbeirat für das Deutsche Architektenblatt und das Journal of Urbanism. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Geschichte und Gegenwart des Städtebaus.




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