24 / Ralf Meister: Baukultur ist

... die Grammatik einer Stadt

Jede Stadt spricht ihre eigene Sprache. Nicht nur in der Baukultur und im Stadtplan, nicht nur in ihren sichtbaren Zeichen und ihrer Geschichte, sondern auch in den Erfahrungen ihrer Bürger. „Flanieren, ist eine Art Lektüre der Straße. Wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Caféterrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches werden.“ So beschreibt Franz Hessel 1929 in seinem Buch „Ein Flaneur in Berlin“ die Existenz des Städters. Flaneure lesen die Städte als aufmerksame Beobachter und diese Lektüre ist in jeder Stadt eine andere. Denn tatsächlich unterscheiden sie sich nicht nur oberflächlich nach Größe und in ihrer Geschichte.

Wie unterschiedlich Städte und ihre Sprachen sein können, zeigen ironisch-witzige 30-Sekunden-Spots des Bundesbauministeriums über deutsche und europäische Städte. Kurzfilme, die mit dem Motto eingeleitet werden: „Alle Städte sind gleich. Diese ist anders.“ Eine Schafherde grast am Rheinufer, im Hintergrund Baukräne, Kirche, Mietwohnungen. Die Schlusspointe als eingeblendeter Text: „In Düsseldorf tragen nur 500 Einheimische echten Pelz.“ In Frankfurt am Main sitzt ein Banker auf einer Eisenbahnbrücke und faltet einen 100 Euro Schein zum Papierflugzeug. Er wirft ihn hinab ins Nirgendwo. Kommentar: „Frankfurt hat alles unter Kontrolle.“ Kleine Personengruppen auf dem Gemüsemarkt, in der Bibliothek; im Hintergrund läuten Kirchenglocken und immer leuchtet über einer Person ein Heiligenschein. „In Eichstätt kommt auf 5 Katholiken 1 Heiliger. Tendenz steigend.“

Die Sprachen der Stadt sind Zeichen, die sich aus Gebäuden und Gebärden genauso zusammensetzen wie aus Stimmungen, Gewohnheiten, Traditionen und Absonderlichkeiten. Es können atmosphärische Lagen sein, die zeitweilig wie Smog über den Gebäuden hängen oder wie Sturmböen durch die Gassen donnern. Das sind nicht nur marginale Dialekte, sondern sie bestimmen mit, wie verschieden Kindheit, Armut oder Migration erfahren werden können. In Berlin, Zürich oder Moskau sind die Erfahrungen, Ausländer, Anarchist oder Milliardär zu sein, völlig unterschiedlich. Und die Sicht auf die Silhouette einer Stadt, ihre Skulpturen und Formen, ist immer auch ein individueller atmosphärischer Blick.

Die Baukultur ist die Grammatik der Stadt. Und jeder ist frei, sie zu benutzen oder souverän zu ignorieren. Wer glaubt, ohne Satzbau und Zeichensetzung, ohne grammatische Grundkenntnisse, eine Stadt lesen zu können, wird sich hoffnungslos verlaufen und niemals entdecken, wie eine Baukultur vom Scheitern und von der Schönheit erzählen kann. Sie ist die wichtigste Lesehilfe, um in gebauten Orten kulturell sprachfähig zu sein: Längst wirken alte Städte, die aus fernen Zeiten vollständig überliefert worden sind, wie untergegangene Sprachen, die man glaubt, vor der Vielfalt und Buntheit der Moderne wie eine alte Bibliothek schützen zu müssen. In anderen Städten dagegen wird die Vielfalt so inszeniert, dass sich Besucher in einem Turmbau zu Babel heillos verirren. Und am schlimmsten sind die Kopisten, die einfältig glauben, jede Stadt besitze die gleiche Grammatik.

Wenn man die Baukultur als Grammatik einer Stadt begreift, dann sind Kirchen für ihre Wahrnehmung eine wichtige Lesehilfe. Sie sind bis heute mit einer symbolischen Repräsentanz sichtbare Stadtgestalter. An kulturprägenden Kirchenbauten, von Westminster Abbey über Notre Dame bis zum Berliner Dom, wird das ebenso deutlich wie an den kleinen Türmen, die sich zwischen den Häusern der Stadtquartiere hinauf strecken. Jede Sprache hat einen Ursprung und trägt eine Verheißung. Jedes baukulturelle Objekt erzählt von seiner Herkunft, seiner Funktion und seinem Auftrag. Das ist bei einem Fernsehturm nicht anders als bei Flughäfen, Bahnhöfen oder Wohnsiedlungen.

Die Kirchen tragen ihre Verheißung jedoch nicht für sich selbst, sondern stellvertretend für die ganze Stadt. Sie bleiben die stärksten, nichtkommerziellen Verheißungsspeicher für eine Stadtgesellschaft. Sie sind Naherholungsgebiete für die Seele, weil sie von einer Wirklichkeit erzählen, von der erst wenig sichtbar ist. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir“ heißt es im Neuen Testament. Jede Stadt, die in ihren religiösen Bauzeugnissen diesem Satz Spielräume schafft, gibt sich selbst mutig eine Zukunft, über die sie nicht mehr selbst verfügt.

 

Ralf Meister
Landesbischof, Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover

Geboren 1962 in Hamburg, studierte Evangelische Theologie in Hamburg und Jerusalem und widmete sich anschließend dem Arbeitsschwerpunkt „Kirche und Stadt“ am Seminar für Praktische Theologie an der Universität Hamburg. Propst in Lübeck bis 2008 und Generalsuperintendent in Berlin bis 2010. Autor von Morgenandachten im NDR und im DLF und bis 2010 Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ in der ARD.




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