23 / Anne Lampen: Baukultur ist

... die Flexibilität der Serie

Der willkürlichen, individualistischen Zersiedelung in und um städtischen Ballungsräumen mit einer geplanten Gebietsentwicklung entgegen zu wirken, ist keine neue Idee. Die soziale Utopie, bezahlbaren – d.h. standardisierten – Eigenheim- und Reihenhausbau mit einem hohen architektonischen Anspruch zu verbinden, wurde besonders durch das Bauhaus getragen und befördert.

Das daraus resultierende Konzept der „Siedlung“ wurde inzwischen tausendfach erprobt. Teils geglückt und vielfach misslungen, wird es vom Verbraucher ebenso zwiespältig gesehen: Einerseits macht die Furcht vor hohen Baukosten die gesichtslose Siedlung attraktiv, andererseits birgt der Wunsch nach dem Eigenheim fast immer das Bedürfnis, den individuellen Geschmack Gestalt werden zu lassen – mag dieser auch in seiner Ungeschultheit irritierend auf andere wirken.

Schon das erste in diesem Zusammenhang realisierte Projekt des Bauhauses, die Siedlung Törten bei Dessau, stieß auf heftige Kritik, die sich in Bewertungen wie „monoton“ und „durchgemetert“ manifestierte. So wird paradoxerweise gerade der soziale Anspruch zum Fallbeil für eine breite Akzeptanz. Besucht man Törten heute, erlebt man eine Ansammlung von Hilflosigkeiten, die jedem Haus ein eigenes Gesicht geben. Serielles Bauen erscheint hier aktuell ebenso wie damals eine Gratwanderung zwischen vorgefertigten Standards und Individualität.

Für meine Arbeit als Architektin steht die Bedeutung von Individualität außer Frage. Architektur ist neben ästhetischer Konzeption auch immer ein gebautes Porträt des Bauherren. Als der Münchner Bauträger Südhausbau 2005 bezüglich der Entwicklung eines ökologischen Architekten-Serienhauses in Neuenhagen bei Berlin auf mich zu kam, setzten die neue Energiesparverordnung und ein geschärftes ökologisches Bewusstsein allgemein neue Akzente im Fertighausbau, der sich zunehmend auch einer modernen Formsprache öffnete. In Neuenhagen habe ich für zwei Typenhäuser unter ökologischen Aspekten ein offenes Raumprogramm entwickelt, das sich aus festgelegten Modulen immer wieder neu und individuell gestalten lässt, also Möglichkeiten der Identifikation in sich trägt.

Mein striktes Beharren auf dem Flachdach löste zwar noch 100 Jahre nach dessen „Erfindung“ zunächst Befremden aus, aber das Engagement und die Risikobereitschaft des Bauträgers wurden belohnt. Der Entwurf konnte in einem Urheberschaftsprozess verteidigt werden und wird auch bundesweit erfolgreich realisiert. In ihrer Kubatur sind die Typen nicht nur für Architekten in Neuenhagen inspirierend, sondern auch für andere Fertighaus-Anbieter. Dieses Konzept konnte also neue gestalterische Akzente im Fertigbau setzen.

Das Beispiel Neuenhagen zeigt, dass Berührungsängste mit anspruchsvoller Architektur – sowohl bei Bauherren, als auch bei Nutzern – abgebaut werden können und auch, dass Siedlungskonzepte mit einer beständig begleitenden Planung des Architekten besser funktionieren, als einmalig vorgeplante (oder komplett ungeplante!) und sich gut vermarkten lassen. Mit Hilfe des modularen Bauens in Serie, kann es gelingen, den Widerspruch zwischen Standardisierung und Individualität im Siedlungsbau aufzulösen.

Serielles Bauen ist eine stadtplanerisch dringend notwendige Herausforderung, der man sich nur mit Flexibilität stellen kann.

 

Anne Lampen
Dipl.-Ing., Architektin, Berlin

Studium an der TU Berlin. Ab 1983 Juniorpartnerin des Architekturbüros WSP. 1989 bis 1994 Kleimeier und Lampen Architekten. 1994 Gründung Anne Lampen Architekten mit verschiedenen Arbeitsschwerpunkten, u.a. Wohnungsneubau, Baugruppenprojekte und soziale Projekte. Seit 2005 entwickelt Anne Lampen ökologische Serienhäuser, in Kooperation mit dem Münchener Bauträger Südhausbau.




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