01 / Julian Nida-Rümelin: Baukultur ist

... die ethisch zu verantwortende Gestaltung gebauter Räume

Baukultur ist die ethisch verantwortete Gestaltung gebauter Räume. Den Großteil des Lebens verbringt der moderne Mensch in gebauten Räumen. Die Art der Mobilität, der Kommunikation, der Interaktion, der Wahrnehmung wird ganz wesentlich durch die Art des Bauens bestimmt. Architektur ist die Höchste der Künste. In ihr fließen alle Dimensionen, wie sie im ersten Buch der Nikomachischen Ethik von Aristoteles beschrieben sind, zusammen: Wissen und Wissenschaft (episteme), Kunst, Kunstfertigkeit und Technik (techne), praxis und prohairesis - die Fähigkeit zukünftige Entwicklungen entscheidend vorweg zu nehmen.

Der entscheidende Prüfstein der Kultur des Bauens ist die Lebensform, die Bauen prägt und vom Bauen geprägt wird. Ohne die Idee des guten Lebens in der entwickelte Wahrnehmungsfähigkeit, Empathie und Autarkie, sozialer Zusammenhalt und Individualität, Kooperation und Konkurrenz, Tradition und Fortschrittsdynamik, Distanz und Nähe, Schutz und Öffnung in einem stimmigen Verhältnis zueinander stehen ist gutes Bauen nicht möglich.

Die Kultur des Bauens beruht auf einer Ethik der Lebensformen. Sie verlangt von den Bauenden ästhetische und soziale Sensibilität und von den Bürgerinnen und Bürgern Engagement, Mitwirkung an der Gestaltung umbauten Räume. Die Kultur des Bauens entwickelt sich am besten im Rahmen einer deliberativen und partizipativen Demokratie.

 

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin
Philosoph und Staatsminister a. D., München

geb. 1954 in München, studierte Philosophie und Physik in München und Tübingen, promovierte 1983 und habilitierte 1989. Nach einer Gastprofessur in den USA und einer Stiftungsprofessur in Tübingen, übernahm er von 1993 bis 2003 einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Göttingen. Seit 2004 lehrt Nida-Rümelin an der Ludwig-Maximilians-Universität München Philosophie und politische Theorie. Für fünf Jahre wechselte er in die Kulturpolitik, zunächst als Kulturreferent der Landeshauptstadt München, dann als Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder von 1998 bis 2002. Nida-Rümelin ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Seit Januar 2010 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.




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