14 / Markus Bader: Baukultur ist

... die Entwicklung von Raum für die nächste Gesellschaft

„Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung der Sprache konstituiert die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft.“ 

Dirk Baecker beschreibt hier eine Situation gesellschaftlichen Umbruchs. Die industrielle Gesellschaft liegt hinter uns, die nächste vor uns. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich zunehmend fragmentiert. Die Ausdifferenzierung Von Lebensmodellen und -praxen, vielfältige Arten des Einzelnen, Zeit und Energie einzusetzen, und das Verhältnis zum Gemeinwesen zu definieren, führen zu einer erfreulichen Pluralität von Möglichkeiten. War der Gleichtakt der gesellschaftliche Rhythmus des industriellen Zeitalters, kann man heute eher von Gleichzeitigkeit von Widersprüchen und Unterschieden sprechen. Doch die Wertesysteme der modernen, industriellen Gesellschaft sind immer weniger hilfreich für unser tägliches Handeln. 

Wie Martina Löw in dieser Kolumne schon aufgezeigt hat, lässt die Angst vor oder fehlende Zuversicht für die Zukunft die Menschen sehnsüchtig in die Vergangenheit blicken. Wie soll in so einer emotionalen Verfasstheit die Stadt von morgen ein besserer Ort werden? Die Sehnsucht nach Sicherheit in einer als unsicher empfundener Zeit führt in Städtebau und Architektur zum Griff in die Klamottenkiste. Darin liegt jedoch ein Denkfehler: die Neuauflage bewährter Modelle führt nicht zu mehr Zuversicht, zum Raum für die nächste Gesellschaft, sondern vergrößert den Spalt zwischen der erlebten gesellschaftlichen Realität und dem gestalteten Raum. Eine Raumgestaltung, die den gesellschaftlichen Bezug verliert schürt die Angst vor der Zukunft. 

Baukultur ist die räumliche Praxis einer Gesellschaft. Bauen ist die Gestaltung und Transformation von Raum, Innenräumen, Bauten und Stadtraum. Bauen wirkt auf mehreren Maßstabsebenen. Kultur ist sprachlich begründet, geht aber über Sprache hinaus. Kultur bedeutet Bewegung, Dynamik, ist mehrdimensional. Kultur entsteht aus einer kollektiven Praxis im Umgang mit den Lebensbedingungen und deren Reflexion aus den Blickwinkeln unterschiedlichster Disziplinen. Kultur in Baukultur beschreibt unseren Umgang mit Raum, unsere räumliche Interpretation der gesellschaftlichen Verhältnisse. Deshalb beinhaltet Baukultur die Erfindung der Räume von Morgen. 

Räume für Morgen erfinden – schon befinden wir uns nahe bei Utopie und Visionärem, wir spüren das Verlangen nach der großen Idee. Wer soll diese Idee vorschlagen? Und: Wie soll sie beschaffen sein in der Pluralität der Definitionen und den widersprüchlichen Anforderungen an den Raum? 

Folgen wir Lefebvres Definition: „Raum ist ein Produkt sozialen Handelns“ oder anders formuliert: Raum entsteht durch seinen Gebrauch – nicht durch seinen materielle Ausformung – so entsteht ein Zusammenhang zwischen Raumgestaltung und -nutzung, gesellschaftlicher Relevanz und Zukunft. Baukultur schafft Raum zum gemeinsamen Vorstellen, Praktizieren und Diskutieren. Baukultur schafft die sinnstiftende Brücke zwischen Alltagsgebrauch und Imagination. Sie erzeugt Testsituationen, nutzt Experimentierräume wie Internationale Bauaustellungen, macht sich auf die Suche nach neuen gemeinsamen Erzählungen jenseits ökonomischer Zwänge. Neue Ideen, Themen und experimentelle Verfahren müssen auf dem Weg zur nächsten Gesellschaft ständig neu erfunden und erprobt werden. Die baukulturelle Erfindung der Stadt, in der wir bald leben, geschieht permanent. 

Die so verstandene Baukultur macht sich auf den Weg in die Zukunft, indem sie Räume zur Aneignung öffnet, indem sie sich bewusst ist, dass Raum im Zusammenwirken von Spezialisten und Nutzern geschaffen wird, indem sie beginnt an Rahmenstrukturen zum emanzipierten Handeln zu arbeiten und indem sie sich einfachen, rückwärtsgewandten Welterklärungs- und -gestaltungsmustern widersetzt. 

Eine solche Baukultur ist per se prozessual, ebenso wie die Gesellschaft, auf die sie sich bezieht, die sie hervorbringt. Eine solche Baukultur ist aktiv, denn nur durch Handeln wird Raum zum Leben erweckt. Eine solche Baukultur ist unruhig, weil sie oszilliert zwischen Temporärem und Langfristigem und sich über das Erprobte hinauswagt. Eine solche Baukultur ist aufregend, weil es ihr gelingt öffentlichen Räume zu aktivieren und zum Ort von urbaner und gesellschaftlicher Zukunft zu machen.

 

Markus Bader
Dipl.-Ing. Architekt, Berlin

Studierte Architektur in Berlin und London. 1999 Mitgründung von raumlaborberlin. 2011-12 Gastprofessur an der Peter Behrens School of Architecture, Düsseldorf. 2009-10 Gastprofessur an der Akademie für angewandte Kunst in Prag. Markus Bader arbeitet im Schwerpunkt kulturbasierte, urbane Strategien und prozessuale Stadtentwicklung, an der Schnittstelle von Kunst und Stadt.




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