13 / Wolfgang Kil: Baukultur ist

... der Vernunft zu einem Bild zu verhelfen

Als am 1. November im Dessauer Bauhaus über die Zukunftsaussichten Ostdeutschlands diskutiert wurde, habe ich mich an „Tisch 3“ gesetzt. Dort sollte es um die baulich-räumlichen Auswirkungen der Gewinnung regenerativer Energien gehen. Auf eine solche Diskussion hatte ich lange gewartet, denn: Ich mag diese weißen, schlanken, stoisch ihren Dienst versehenden Windmühlen. Ich mochte sie schon, als sie erst noch vereinzelt über den Horizonten auftauchten. Weil sie Zeichen setzten: Lauter weiße, schlanke Fingerzeige, dass die Menschheit sich über ihr Weiterleben Gedanken macht. Irgendwo hatte ich gelesen, ein solch beflügelter Generator könne zweihundert Häuser mit Strom versorgen. Also zählte ich fortan pro Windrad je ein großes, von Kohle oder Öl unabhängiges Dorf und gab uns auf dem Planeten wieder ein bisschen mehr Chance.

Ich wollte die Mühlen auch dann nicht verdammen, als in meiner Feriengegend Streit ausbrach zwischen den Landbesitzern, die ihre Äcker gern an Anlagenbetreiber verpachteten, und den Bewohnern dörflicher Randlagen, denen das Sausen der Flügel tags wie nachts in den Ohren pfiff, während bei tieferem Sonnenstand nimmermüde Schatten über ihre Wohnzimmerwand huschten. Da waren unerfahrene Landleute von rüden Geschäftemachern ausgetrickst worden. Dass es Schutzzonen, Mindestabstände und andere Aufstellungsregeln für Windkraftanlagen gibt, erfuhren manche der Überrumpelten erst, als alle Einspruchsfristen abgelaufen waren. Wer will ihnen verdenken, dass sie derart ignorant platzierte „Innovationen“ zum Teufel wünschen!

Solch kollektiver Unmut braucht nie lange, dann wird er zum Politikum. Bürgerinitiativen rufen zum Widerstand gegen die „Verspargelung“ der Landschaft auf, bringen ihre Wortführer bis in den Landtag. Dabei wirkt hier nichts weiter als ein fatales Defizit: Je  größere Standorte die Windpark-Unternehmen entwickeln, desto mehr „Gegenwind“ werden sie ernten, solange sie kein anderes Verständnis ihres Tuns unter die Leute bringen. Was womöglich auf den abstrakten Planunterlagen noch als sinnvoll geordnetes System erkennbar wäre, muss dringend auch im öffentlichen Bewusstsein als ein positives Bild kommuniziert werden: Diese Windparks sind keine mutwillig in die Landschaft gesprenkelten Mastendickichte, sondern es sind Kraftwerke. Von dort kommt jetzt unser Strom!

Es ist noch nicht lange her, da wurde die Produktivität einer Industriegesellschaft an Zahl und Höhe ihrer Schornsteine gemessen, wobei der meiste Stolz den gewaltigsten Werken mit der am weitesten sichtbaren Rauchfahne galt. Nun verschwinden im Zuge des Strukturwandels viele Schlote aus den Landschaftsbildern wieder, und nicht wenige Zeitgenossen beklagen das als Verlust. Dass Windparks die nachfolgende Generation solcher Produktionslandschaften darstellen, wird viel zu selten thematisiert. Gerade an umstrittenen Großstandorten muss die ordnende, gestaltgebende Hand des Planers unbedingt deutlicher zur Wirkung kommen. Damit der vermeintlich naturfremde Faktor „Technologie“ auch ästhetisch annehmbar wird. Baukultur würde dann bedeuten, nicht nur dem Schönen, sondern auch dem Guten, sprich dem Vernünftigen, Wege zu ebnen. Kurzumtriebsplantagen als Gartenkunstwerke! Windparks als Land-Art mit Designanspruch!

 

Wolfgang Kil, Dipl.-Ing.
Architekt, freier Kritiker und Publizist, Berlin

nach Studium in Weimar Projektant im Wohnungsbaukombinat Berlin, 1978-82 Chefredakteur der Zeitschrift „Farbe und Raum“, danach freier Autor und Kurator, 1992-94 Redakteur bei der „Bauwelt“, seitdem wieder freiberuflich als Publizist tätig. Arbeitsschwerpunkte DDR-Baugeschichte, demografischer Wandel, Stadtumbau, Bauen in Osteuropa. Zahlreiche eigene Bücher, darunter „Luxus der Leere“ (2004) und „Das Wunder von Leinefelde“ (2007). 1997 Kritikerpreis des BDA.




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