37 / Frauke Burgdorff und Oliver Brügge: Baukultur ist

... das Ringen aller Beteiligten um das beste Ergebnis

Vor dem ge­bauten Haus, der gebauten Stadt, steht der Dialog. Damit dieser weder ins Nichts noch in die Irre, sondern zu nutzbaren und schönen Bauten führt, brauchen wir mehr Menschen, die sich damit auskennen, solche Dialoge demokratisch und ertragreich zu gestalten. Men­schen, die Prozessprofis sind. Denen klar ist, in welcher Phase der Planung wer Wissen und Interessen einbringen muss. Die aber auch wissen, wie alle im Planen und Bauen ihr Gesicht wahren können, auch wenn ihre Meinung sich einmal nicht durchsetzt. Es geht um viel mehr als „Bürgerbeteiligung“. Es geht darum, den Willen und die Kompetenzen der Bewohnerin­nen und Bewohner einer Stadt für die Realisierung guter Bauvorhaben zu nutzen. DAS ist gute Baukultur!

Die Zeit lautstarker Bürgerproteste, die sich ins Gedächtnis von Investoren, Planern und Kommunen gebrannt haben, scheint ihren Höhepunkt auf dem Tempelhofer Feld über­ schritten zu haben. Die neueren ‚Proteste‘ sind nicht mehr nur gegen etwas, sondern für eine andere Stadt. Für andere Investitionen und auch für mehr Transparenz und Mitbestimmung bei Bauvorhaben, die öffentliche Belange betreffen. Die meisten kommunalen Planungsver­antwortlichen, Projektentwickler und Immobilieninvestoren haben den strategischen Wandel zu neuen Formen der Partizipation bereits vollzogen. Aber Achtung! Teilhabe wird hier nicht selten recht vordergründig praktiziert. Obwohl das Wissen und die Sensibilisierung bei den Verantwortlichen vielerorts vorhanden ist, beobachten wir, dass Kompetenzen und Verant­wortungsbereitschaft der Bewohnerinnen und Bewohner insgesamt noch zu selten zur Gel­tung kommen.

Die Bürgerschaft will mitgestalten. Wenn wir sie nicht lassen, werden Chancen vertan, denn immer mehr Menschen engagieren sich kenntnisreich für ihre Nachbarschaft. Sie mischen sich ein und übernehmen auch Verantwortung für ihr Umfeld und das Gemeinwesen. Bürger­schaftliche Initiativen, die gemeinsam Stadt von unten machen wollen, haben meist klare Vorstellungen, eine Menge Kenntnisse und das nötige Selbstbewusstsein. Sie warten nicht ab, bis die Kommune oder andere Institutionen ihre Vorstellungen umsetzen. Sie haben genug davon, den ‚Experten‘ gegenüberzusitzen, die sie leutselig-schulterklopfend letztlich doch auf die Linie von Politik und Verwaltung bringen wollen. Sie wollen diese Linien selber mitziehen.

Manche von ihnen haben Großes vor: Sie wollen marode Freibäder übernehmen, eigene Räu­me für die Nachbarschaft betreiben, Kinos in Betrieb halten und eine neue Kultur des Zusam­menlebens schaffen. Diese neuen Akteure gilt es einzubinden, eine „echte“ Teilhabe zu reali­sieren, die wir Planer uns als betroffene Bürger selbst auch wünschen. Das Selbstverständnis der Menschen im Kräfteverhältnis von Staat, Markt und Zivilgesellschaft hat sich in den letz­ten Jahren geändert. Das spüren wir alle – sowohl im Privaten als auch in Planungsprozessen. Diese positive Energie wollen wir und sollten wir in Planungsprozessen zulassen – auch wenn es manchmal der unbequemere und schwierigere Weg ist.

 

Frauke Burgdorff, Vorständin der Montag Stiftung Urbane Räume, Bonn

Geboren 1970 ist seit 2006 Vorständin der Montag Stiftung Urbane Räume, die sich vor allem in Themen der Quartiersentwicklung und des bürgerschaftlichen Engagements einbringt. Sie hat Raumplanung in Kaiserslautern und Dortmund studiert, anschließend in Antwerpen, Gelsenkirchen und Aachen als Stadtplanerin und Stadtforscherin sowie als Ge­schäftsführerin der Initiative StadtBauKultur NRW gearbeitet. Sie hat zahlreiche Schriften zu Themen der Quartiers- und Stadtentwicklung verfasst und Bücher herausgegeben.

Oliver Brügge, Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume, Bonn

Geboren 1968 ist seit 2014 Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume. Er hat Geo­graphie in Münster, Stadt- und Regionalplanung in Dortmund und berufsbegleitend Wirt­schaftsförderung in Bielefeld studiert. Oliver Brügge arbeitete in den Arbeitsfeldern Zukunfts­strategien, Standort-, Quartiers- und Immobilienentwicklung in Münster, Bochum, Dortmund, Schwerte und Monheim am Rhein als Wirtschaftsförderer, Stadtplaner und Standortentwick­ler in verschiedenen Planungsbüros, bei privaten Unternehmen und der öffentlichen Hand.