18 / Mike Schlaich: Baukultur

... bewusst wertig zu gestalten

Für mich hat Baukultur mit Qualität, mit bewusst wertiger Gestaltung aller Bauwerke zu tun. Wir Bauingenieure müssen die Bauwerke, für die wir zuständig sind, Brücken, Türme, Tunnel und Kanäle – die gesamte gebaute technische Infrastruktur – als funktionales, ökologisches und ästhetisches Gesamtkunstwerk mit wirtschaftlichem und kulturellem Zweck angehen. Alle Bauwerke verdienen dies, nicht nur die großen Repräsentationsbauten wie Bahnhöfe und Flughäfen, Museen und Banken.

Erfahrbare Konstruktionen, Ablesbarkeit des Kraftflusses und werkstoffgerechter Einsatz der Materialien führen zu schönen Tragwerken. Gestalterische Qualität führt zu Lebensqualität und überträgt sich auf das Lebensgefühl der Nutzer. Diese sind aber oft erschreckend anspruchslos, wenn es um die gebaute Infrastruktur geht. Können wir Bauingenieure die Allgemeinheit für Baukultur sensibilisieren? Können wir dazu beitragen, dass man sich weniger an den Kosten und mehr am Wert eines Bauwerks orientiert?

Die Bauingenieure tun sich selbst schwer genug mit der Gestaltung ihrer Tragwerke. Deshalb muss bei der Ausbildung angesetzt werden: An manchen Universitäten, wie in Stuttgart und in Berlin, ist das Entwerfen und Konstruieren bereits fester Bestandteil des Curriculums der Bauingenieure. An den Hochschulen muss, neben der Vermittlung technisch-wissenschaftlicher Kenntnisse, die Kreativität aller Studierenden gefördert und weiterentwickelt werden.

Darüber hinaus brauchen wir mehr Entwurfswettbewerbe und weniger Standardentwürfe. Autorisierte Hilfen, wie der Leitfaden der Deutschen Bahn zur Gestaltung von Bahnbrücken, sind ein großer Fortschritt, genauso wie der von der Bahn geschaffene Brückenbeirat, der dafür sorgen soll, dass Bahnbrücken gewisse baukulturelle Mindeststandards erfüllen.

Wir sollten zudem versuchen, aktuelle Strömungen als Impulse für Baukultur und Innovation neugierig zu nutzen – und sie nicht gleich zu normieren. Die Notwendigkeit, nachhaltig zu bauen, ist ein gutes Beispiel. Kräftig zu dämmen und Photovoltaikpaneele aufzuschrauben bringt vielleicht Zertifikate, schafft aber keine Baukultur. Besser mutig Neues ausprobieren.

Zum Glück gibt es auch genug gute, ganzheitlich angegangene Beispiele. Viele Einzelbauten der letzten Zeit, aber auch die großen IGAs und IBAs – im Dreiländereck um Basel bald auch als grenzüberschreitendes Experiment – zeigen dies, und der Konvent der Bundesstiftung Baukultur 2012 in Hamburg hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

 

Mike Schlaich, Prof. Dr.
Bauingenieur, Berlin

Geboren 1960 in Cleveland, Ohio, USA. Partner im Ingenieurbüro schlaich bergermann und partner. Leitet das Fachgebiet Entwerfen und Konstruieren – Massivbau an der TU Berlin. Schlaich widmet sich besonders den Entwurfsaufgaben im Leichtbau und der Erforschung neuer Materialien. Arbeitsschwerpunkt im Brückenbau, seit kurzem konzentriert im Kompetenzzentrum Brückenbau an der TU Berlin.




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