30 / Rolf Novy-Huy: Baukultur ist

... aus Vorhandenem gestalten

Was ist Baukultur, wenn sie nicht aus der Sicht eines Architekten oder Städteplaners betrachtet wird? Wenn die persönlichen und beruflichen Themen die Gemeinwohlökonomie, also das selbstorganisierte, gemeinschaftliche Wohnen sowie die Ökologie – nicht zuletzt im Sinne der Flächenschonung sind?

Gibt es da eigentlich noch eine Bau-„Kultur“, oder ist diese eine Ansammlung von egoistischen Einzelvorhaben, von interessensgeleiteten Einflüssen und ökonomischen Zwängen geworden? Kultur - kultiviert – erhebt sich doch vom Wortverständnis her über das Primitive? Feingeistig, ästhetisch, hoch entwickelt sollte sie sein. Wo finden wir das, in einer der wohlhabendsten, gleichzeitig aber auch ökonomisiertesten Gesellschaften?

Trotz sicher vorhandener Gewinnorientierung bauten die Zechenbesitzer des Ruhrgebietes Lohnhallen, Waschkauen, Direktoriumsgebäude mit herrschaftlichen Fassaden. Sie waren „Barone“ – taten es dem Adel gleich. Auch nur Ausdruck von Macht und Geltungsbedürfnis? Sicher – aber auch Stolz und Repräsentationsbedürfnis, den man sich etwas kosten ließ. Welch ein Unterschied zu den billigen Hallenbauten heutiger Gewerbegebiete.

Der Wohnungsbau? Wir bewundern gerne die genossenschaftlichen Bauvorhaben des 19. und 20. Jahrhunderts. Ob eine Reihenhaussiedlung aus dem Jahr 1970 jemals zu einer solchen Ausstrahlung gelangen wird? Die Eckgebäude eines Gründerzeitviertels waren prägend für einen ganzen Straßenzug. Eine Straße war mehr als eine Ansammlung von Baukörpern und Parkplätzen, war die Sichtachse auf ein besonders schönes Gebäude. Es wäre ungerecht, nicht darauf hinzuweisen, dass es auch eine ganze Reihe von sensibel gestalteten neuen Gebäuden gibt. Insgesamt aber ist ein Mangel an Gemeinsinn und Orientierung auf das gesamte Erscheinungsbild, wie auch das Gemeininteresse einer Stadt zu beklagen. Wünschen, hoffen und träumen ist erlaubt?

Zur „Un“-Kultur gehört der Flächenfraß für Gewerbeansiedlungen. Wir verwüsten unser Land unter Beton und Asphalt. Eine Kulturleistung könnte es sein – so wie es Fabrikanten im 19. Jahrhundert mitten in Berlin auch geschafft haben – Produktionsstandorte wieder mehrstöckig zu bauen – in der Autoindustrie sicher schwierig, aber für die Herstellung von Tintenpatronen oder elektronischen Bauteilen durchaus vorstellbar.

Ökologie – Klimawandel. Auch Stadtklima gehört dazu. Dachbegrünungen, Sicker-Pflaster, Quartiers-Bäume. Alles nur eine Kostengruppe? Auch Einfamilienhäuser sind nicht gerade ein Kultur-Event. Die Kulturlandschaft verschwindet unter Bausparkassen-Kultur. Gleichzeitig verfallen unsere Innenstädte. Wo ist der Impuls, die Infrastrukturausgaben lieber in die Erneuerung zu stecken, statt in die Neubauflächen?

Warum sieht man auf der rechten Straßenseite Gewerbe-Neubauten, gebaut auf der Wiese, obwohl links die Ruinen alter Industrieanlagen verrotten? Warum entsteht das Neubaugebiet auf den Äckern und Weiden eines Bauernhofes, obwohl im Dorfkern alte Hofgebäude leer stehen? Welche Kultur werden uns zukünftige Generationen vorhalten? Was haben wir gebaut? Was werden wir ihnen überlassen? Warum geben wir immer wieder dem Einzelinteresse, dem mehr oder weniger nachvollziehbaren Zwang nach? Warum stellen wir uns nicht Herausforderungen, welche die Kreativität anstacheln?

Aus Vorhandenem gestalten: Sich in Zwänge einordnen, sie anerkennen, aber auch in den Freiräumen spielen. Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo das Interesse der Allgemeinheit beginnt. Auch das gehört zu einer kulturell entwickelten Gesellschaft!

 

Rolf Novy-Huy
Geschäftsführer der Stiftung trias, Hattingen (Ruhr)

Jahrgang 1957, Bankkaufmann, lange Jahre in der Umwelt- und Ökologiebewegung engagiert. Als Finanzierungsberater bei der GLS Gemeinschaftsbank eG in Bochum war er für ideell geprägte Wohn- und Bauprojekte zuständig und damit oft am Rande der Gesellschaft tätig: Besetzte Häuser, Kunst- und Kulturprojekte in alten Gebäuden, Reaktivierung von Gebäuden mit Altlasten, bürgerschaftliches Engagement. Mitbegründer, und seit 2006 hauptamtlich als Geschäftsführer der Stiftung trias, gemeinnützige Stiftung für Boden, Ökologie und Wohnen in Hattingen (Ruhr) tätig.




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