Festvortrag beim BDA Hamburg

Umwelt gestalten – Was Baukultur für die Gesellschaft bedeutet

Dirk Uhlenbrock Eventfoto Hamburg

Reiner Nagel als Festredner auf dem Jahresempfang des BDA Hamburg

Planen und Bauen muss Wünsche und Hoffnungen auslösen – keine Bürgerproteste.

In der Zollhalle des ehemaligen Hauptzollamtes fand am 27. Januar der traditionelle Jahresempfang 2016 des BDA Hamburg statt. Nach der Begrüßung durch den BDA-Vorsitzenden Volker Halbach sprach Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, die Festrede und hob die aus seiner Sicht herausragenden Hamburger Ereignisse des zurückliegenden Jahres 2015 hervor: zum einen den Tod des leidenschaftlich an Architektur und Stadtplanung interessierten Hamburgers Helmut Schmidt, der selbst gern Architekt geworden wäre und zum anderen das aus seiner Sicht bedauerliche Ergebnis des potentiell mit großen Chancen für die Stadtentwicklung und Baukultur verbundenen Olympiareferendums, mit dem, so vermutete Nagel, auch Helmut Schmidt unglücklich gewesen wäre. Viele – Sportler, aber auch Planer und Architekten – blieben mit Katerstimmung zurück. Das Nachdenken, Planen oder gar Bauen bzw. Umbauen für die Stadt löse zur Zeit eher Bürgerproteste aus als Wünsche oder Hoffnungen. „Man hat das Gefühl, viele Bürger möchten alles so lassen, wie es ist und die „Freeze“-Taste drücken“, so Nagel. Das dritte wichtige Hamburger Ereignis 2015 stellte für Nagel das 50. Jubiläum der Hamburgischen Architektenkammer dar. In den 50 Jahren, in denen die Hamburgische Architektenkammer besteht, hätten sich die Stadtstruktur und das Stadtbild Hamburgs in einer Weise zum Positiven gewandelt, wie in kaum einer Phase der Geschichte vorher. „Wesentlicher Motor dieser Veränderungen waren und sind Städtebau, Freiraumplanung und Architektur. Mit Ihrer Hilfe hat sich nicht nur die Stadt gewandelt, sondern auch das Bewusstsein für unsere gebaute Umwelt. Das ist auch einer engagierten Architektenschaft zu verdanken.“

 

Umwelt gestalten – Die Bedeutung von Baukultur für die Gesellschaft
Dirk Uhlenbrock Eventfoto Hamburg

Von links nach rechts: Daniel Kinz, Stellvertretender Vorsitzender BDA Hamburg; Prof. Jörn Walter, Oberbaudirektor Hamburg; Dr. Dorothee Stapelfeldt, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg; Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender Bundesstiftung Baukultur; Volker Halbach, 1. Vorsitzender BDA Hamburg.

Große gesellschaftliche Aufgaben und öffentliche Budgets müssen baukulturell konditioniert werden!

(Gekürzte Fassung der Festrede)

 

„Wie wichtig ist Baukultur eigentlich für die Gesellschaft? Die Bundesstiftung Baukultur behauptet sehr wichtig! Dabei fällt die Argumentation nicht ganz einfach. Die Umfragen für den Baukultubericht 2014/15 haben ergeben, dass die Bevölkerung Baukultur durchaus differenziert sieht. Zwar verbinden die meisten Menschen damit den Umgang mit alten und historischen Gebäuden (23 %) aber auch Fragen des Städtebaus, der Stadtplanung und Gestaltung (18 %) sowie Stil und Ästhetik von Gebäuden. Experten in Städten und Gemeinden sehen es ganz anders: Gefragt nach dem Kriterien für Baukultur kommt an erster Stelle das Thema Ästhetik und Gestaltung (94,7 %) und die Sicherung und Pflege schützenswerten Gebäudebestandes (91,7 %). Materialqualität (76 %), Funktionalität (67,2 %), Planungs- und Prozessqualität (63,5 %) oder Technische Innovation (28,2 %) werden weniger mit Baukultur in Verbindung gebracht.

Der Baukulturbericht 2014/15 ist inzwischen vom Bundestag diskutiert worden. Die Bundesstiftung Baukultur soll sich nun intensiver um folgende Themen kümmern: bezahlbares und finanzierbares Wohnen; Baukultur in ländlichen Räumen, Klein- und Mittelstädten; Baukultur und Tourismus; Grün in der Stadt. Diese Punkte werden bei den laufenden Arbeiten zum Baukulturbericht 2016/17 zu „Stadt und Land“, also zu Mittel- und Kleinstädten sowie ländlichen Räume, aufgenommen. Dort ist Baukultur nach unserer Erkenntnis häufig noch relevanter und ungleich schwächer mit Ressourcen ausgestattet als in den großen Städten. Doch ländliche Räume sind häufig grenzüberschreitend und damit auch ein Merkmal unserer europäischen Identität.

Tatsächlich nehmen wir Europa und Deutschland nicht als Natur-, sondern weitgehend als Kulturlandschaften wahr, mit Siedlungen und Städten baukultureller Identität. Hierin liegt eine der wesentlichen Ursachen für den Bedeutungszuwachs, den das Thema Baukultur seit etwa zwei Jahrzehnten erfährt.

Aktuelle Aufgaben: Wohnungsbau, Infrastruktur, Bestandsentwicklung

Erhebliche Zweifel kann man hier bekommen, was die Rolle der Baukultur betrifft, obwohl sie doch tatsächlich so bedeutend und relevant ist. Die Herausforderungen des Wohnungsbaus betreffen alle Bauschaffenden: serielles Bauen, große neue Siedlungen und Masse, die im Zweifel ohne Klasse erscheint. Wir müssen nachhaltig gestalten – Zweitakt statt Dreisprung. Und wir brauchen mehr sozialen Wohnungsbau. Wir sollten Wohnen und Stadt gestalten und nicht verwalten.

Auch andere große Aufgaben und öffentliche Budgets müssen baukulturell konditioniert werden. Straßen und Brückensanierung aber auch Neubau von Infrastruktur, beispielsweise der neue Bahnhof Altona (Diebsteich), ebenso Pfeilerbahnen, Dämme, Lärmschutzwände. Baukultur mitdenken und Synergien zur Gestaltung der Lebensräume nutzen! Auch der Umgang mit dem Bestand ist ein Gestaltungsthema, das nach dem Klimaabkommen in Paris stärker in den Fokus rücken wird: Energetische Sanierungen sind eine gigantische Investitionsaufgabe und zunächst Planungs- und dann erst Bauaufgaben.

Tu was gegen Hässlich

So lautete der Werbeslogan einer Baumarktkette. Wir müssten sagen: „tu was gegen Baumärkte“ – Energetische Sanierung mit Architekten und Ingenieuren ist ganzheitliche Gestaltungsaufgabe und nicht allein mit dem Handwerk oder Malern, und schon gar nicht in do-it-yourself-Manier zu lösen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist keine Kritik an Handwerk und der Bauwirtschaft, sondern ein Plädoyer für integriertes Planen und Bauen mit Architekten, die die Synthese aus einem zunehmend komplexeren technischen und gesellschaftlichen Anforderungsumfeld in gute Gestaltung umsetzen. Und dies mit dem erlernten Handwerkszeug: dem Entwurf und dem Gestalten.

Mir fällt dazu die bisher unvollendete Buch-Triologie von Richard Sennet ein, einem der herausragenden Soziologen und Kulturphilosophen, von der zwei Bände vorliegen und der dritte Band bevorsteht. Der erste Band trägt den Titel „Handwerk“. In dieser Kulturgeschichte des Handwerks stellt er fest: „es gibt keine Kunst ohne Handwerk“ und für mich noch einprägsamer, weil mit Computer und künftig BIM in einer zunehmend handskizzenfreien Entwurfsrealität: „Die Trennung von Kopf und Hand schadet dem Kopf!“.

Die handwerklichen Fähigkeiten einzelner, von der Gesellschaft ohnehin weitgehend gering geschätzt, können aber nur über einen speziellen sozialen Aspekt bei der praktischen Arbeit zur Geltung kommen, nämlich der Kooperation. So betitelt Sennet des zweite Buch „Zusammenarbeit“ mit dem Untertitel „Was unsere Gesellschaft zusammenhält“. Ich finde wir sind hier sehr nah an der Baukultur: Handwerklichkeit und Interdisziplinarität, verbunden mit einer hohen Wertschätzung für die „am Bau Beteiligten“ wie die Bauordnungen sagen, oder die Baukulturakteure wie ich sagen würde.

Fehlt nur noch die Ergebnisorientierung. Woran und wofür arbeiten wir? Das dritte Buch Sennett‘s wird den Titel „Städtebau“ tragen und tatsächlich finde ich, das die Handlungseben des Städtebaus angesichts der aktuellen Bauaufgaben im Bestand und neuer Baukultur ist interdisziplinär, prozessorientiert, bisweilen ephemer und es geht immer um reflektiertes Gestalten und um Angemessenheit. Und es geht um ein spezifisches Gestaltungspotential und -Instrumentarium. Der evangelische Landesbischof Ralf Meister hat es in unserer Kolumnensammlung „Baukultur ist…“  folgendermaßen beschrieben: „Baukultur ist die Grammatik einer Stadt. Und jeder ist frei, sie zu benutzen oder souverän zu ignorieren. Wer glaubt, ohne Satzbau und Zeichensetzung, ohne grammatische Grundkenntnisse, eine Stadt lesen zu können, wird sich hoffnungslos verlaufen und niemals entdecken, wie eine Baukultur vom Scheitern und von der Schönheit erzählen kann.“

Tatsächlich geht es darum, das Wissen, die Fähigkeiten und die eigene Kompetenz (gern im Sinne der kleinen Schritte von Helmut Schmidt), für die Verbesserung der gebauten Lebensräume zielgerichtet einzusetzen. Wichtig ist – und auch das ist ein Stück Baukultur – dass wir einen übergeordneten Plan haben, wo wir hinwollen. In diesem Sinne möchte ich schließen mit einem Zitat von Willy Brandt, das angesichts komplexer Herausforderungen für 2016 und darüber hinaus so aktuell ist wie eh und je (und das sicher auch Helmut Schmidt unterschrieben hätte, weil er es gelebt hat): „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten.“