Pressebericht 30.04.2015

Das Land hat Zukunft! Baukulturwerkstatt in Kassel zeigt Potenziale und Chancen.

© Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur

Werkstatttisch bei der Baukulturwerkstatt in Kassel

Gerade auf dem Land und in kleineren Städten kommt es auf den Umgang mit dem Bestand an. Es gilt Synergien zu finden, die Bürger für Baukultur zu begeistern und mutige Entscheidungen zu treffen. Mit Vorträgen, offenen Diskussionsrunden, einer Projektbörse und Ausstellungen startete die Bundesstiftung Baukultur ihren neuen Schwerpunkt Stadt und Land.

„Vitale Gemeinden“ waren das Thema am 25. April in der Kasseler documenta-Halle sowie bereits am Vorabend beim Empfang in der Weinkirche. Über 200 Teilnehmer waren gekommen, um am Beispiel von zehn Best-Practice-Projekten zu erfahren, wie Ortsbilder bewahrt und weiterentwickelt werden können, wie auf eine älter werdende Bevölkerung und auf Abwanderung reagiert werden kann und wie Bürger für Baukultur engagiert werden.

„Vorrang für den Bestand“ , so lautet das Credo von Prof. Manfred Hegger, der in Kassel den Hessen-Campus im nahe gelegenen Wolfhagen vorstellte, für den eine ehemalige Panzerhalle mit lichtdurchlässigen Solarzellen nicht nur zur berufsbildenden Schule, sondern gleichzeitig zum Kraftwerk wurde. Auch in Fritzlar und Gotha hat der Bestand Vorrang, denn es werden keine neuen Baugebiete mehr ausgewiesen. Das bereits stark geschrumpfte Gotha setzt ganz auf die Innenentwicklung , wobei die Stadt eine Moderatorenrolle einnimmt und so bereits 40 Grundstücke in der Kernstadt einer kleinteiligen Neubebauung zuführen konnte. In Fritzlar wird die Konzenration auf die Kernstadt prophylaktisch betrieben. Ein Team aus Architekten, Stadt und Landesdenkmalamt berät bei der Umnutzung von Altstadthäusern, um sowohl junge Familien zu halten als auch Barrierefreiheit im Bestand zu schaffen. Wo in Fritzlar die Summe vieler kleiner Projekte angemessen ist, war in Blaiberg im Bayerischen Wald ein Leuchtturmprojekt nötig. Mit einem Bürger- und Konzerthaus konnte das komplett verwaiste Ortszentrum für kulturelle Zwecke wiederbelebt werden. Bedingung dafür waren aber engagierte Einzelpersonen mit starken Ideen, ebenso wie in Klein-Leppin in der Prignitz, wo aus ambitionierten Plänen einer kleinen Gruppe inzwischen ein Operndorf entstanden ist, das bis zu 200 Dorfbewohner vor und hinter der Bühne einbindet.

Baiersbronn hat das Thema Baukultur sogar auf die politische Agenda gehoben und etwa den Baustoff Holz jenseits von Schwarzwald-Klischees für Neubauten festgeschrieben, sowohl im Hinblick auf den Tourismus aber auch eine anstehende Ortssanierung. Das kompakte Altmühl-Jura-Haus wurde In Wettstetten bei Ingolstadt neu interpretiert. Weil der Ort wegen seiner Nähe zum Audi-Werk zwar stark gewachsen ist aber ein kaum belebtes Ortszentrum besaß, nutzte die Kommune ihr Erstkaufsrecht, um ein Ensemble aus Rathaus, Gemeindesaal, Tagespflege und Kita zu errichten.

Insbesondere aus der Verbindung von Kinderbetreuung und Pflegeeinrichtung für Demenzpatienten haben sich neue Synergien ergeben. Ein Zusammenleben von Jung und Alt strebt auch das Projekt von Susanne Hofmann und den Baupiloten im niedersächsischen Dötlingen an. Nachdem gewünschte Raumatmosphären und Grundrissbedarfe ermittelt wurden, wurde ein kleines Dorf aus Einzelhäusern für Familien oder Ältere mit einem gemeinschaftlichen „Kümmererhaus“ geplant, das nun durch eine Genossenschaft realisiert werden soll.

Werbung für unkonventionelle Formate der Bürgerbeteiligung, z.B. direkt gekoppelt an einen Architekturwettbewerb, machte Roland Gruber vom österreichischen Verein LandLuft, der damit sowohl die Stammtische als auch die Dorfjugend erreicht. Wichtig seien schnelle Beteiligungsprozesse von maximal drei Tagen Dauer, eine Gleichwertigkeit aller Akteure und der Einsatz moderner Medien. Zwar mögen solche Verfahren auf dem Dorf in bestehenden Gemeinschaften einfacher zu realisieren sein als in der Stadt, doch man müsse das Dorf in der Stadt eben suchen, so der Kasseler Baudezernent Christof Nolda. Was allen Projekten gemeinsam ist, sei die Aktivierung von Kreativität , stellte der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur Reiner Nagel in seinem Fazit fest. Sei es durch eine strategische Limitierung wie in Gotha, durch direkte Ansprache der Nutzer wie in Dötlingen oder durch die Vorbildfunktion Einzelner wie in Blaiberg und Klein-Leppin.

Im Anschluss an die Vorträge diskutierten an zehn Tischen die Teilnehmer mit den Referenten die verschiedenen Hauptaspekte der Fallbeispiele, etwa Tourismus, bauliches Erbe oder erneuerbare Energien. Zum weiteren gegenseitigen Austausch luden im Foyer eine Projektbörse mit zahlreichen lokalen Initiativen und Projekten aus ganz Deutschland und eine Ausstellung von LandLuft ein, die die Menschen hinter baukulturell beispielhaften Verfahren vorstellt.

Begleitet wurde die Baukulturwerkstatt von der Fotoausstellung „Baukultur im Bild. Räume + Menschen“ , die mit preisgekrönten und weiteren ausgewählten Arbeiten des Fotografiepreises 2014 der Bundesstiftung Baukultur gelebte Baukultur zeigt. Sie wird noch bin zum 3. Mai im Kasseler KAZimKUBA zu sehen sein.

Die zweite Werkstatt folgt am 9. und 10. Juli in Regensburg zum Thema „Infrastruktur und Landschaft“. Die dritte Werkstatt „Planungskultur und Prozessqualität“ findet am 10. und 11. Juli in Frankfurt am Main statt.