Presseinformation 09.03.2021

Bundesstiftung Baukultur liefert Lösung zur Einfamilienhaus-Debatte

© Klaus Leidorf

Wallersdorf

Woran denken Sie bei „Nachverdichtung“ oder bei „Innenentwicklung“? An Großstädte mit zu wenig Platz? Platz, den es abseits der Metropolen scheinbar genug gibt? Doch genau hier beginnt das Problem: In Deutschland wird zu viel Fläche verbraucht, ein Großteil davon in kleineren Städten und in ländlichen Räumen für Einfamilienhaus- oder Gewerbegebiete mit ihren Verkehrswegen.

Der Bagger in der Landschaft steht vielerorts für wirtschaftlichen Fortschritt, für neue Wohnhäuser, für ein Gewerbegebiet mit Arbeitsplätzen oder für einen dringend benötigten Supermarkt – alles für sich positive Dinge. Der Bagger steht aber auch für die Zerstörung von landwirtschaftlichen Flächen, für längere Wege, für das Aussterben der traditionellen Ortszentren und damit auch für den Verlust von Identität und Heimat. Doch ungeachtet anders lautender Erkenntnisse und Absichtserklärungen werden überall in Deutschland Flächen im Außenbereich planerisch neu ausgewiesen und für die Siedlungsentwicklung „verbraucht“. Letztlich steht dieser Flächenkonsum in einer direkten Funktion zur CO2-Produktion und damit zum Klimawandel.

Aus Sicht der Bundesstiftung Baukultur ist also vor allen Dingen der Flächenverbrauch problematisch und nicht die Wohnform und Typologie des „Einfamilienhauses“, wenn sie klug und ressourcenschonend umgesetzt ist.

In unserem Handbuch „Besser Bauen in der Mitte“ wird der sogenannte Donut-Effekt beschrieben: die Masse (also Neubau-/ Gewerbegebiete) siedelt sich um einen Hohlraum (das leerstehendes Ortszentrum) herum an. Damit Gemeinden wieder zum „Krapfen“ werden, muss das Beste wieder in den Ortskern!

„Es fehlt immer noch an einem Problembewusstsein zum Flächenverbrauch“, meint Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. „Durch neue Baugebiete gehen Kulturlandschaften ebenso verloren wie intakte Ortsbilder, gut erreichbare Infrastruktur und nicht zuletzt Heimat.“ Ein Großteil des Flächenverbrauchs geschehe außerhalb der großen Metropolen. Eine gute Innenentwicklung sei daher insbesondere in kleineren Kommunen nötig. „Die Attraktivität und Einzigartigkeit eines Ortes entscheidet schließlich auch darüber, ob man wegzieht, bleibt oder sich im Bestand neu engagiert. Wir brauchen aber auch neue attraktive Alternativen zum Einfamilienhaus, um den Wohnwünschen vieler Menschen entgegenzukommen“, so Nagel weiter.

Nicht das Einfamilienhaus ist also das Problem, sondern seine massenhafte Ausbreitung in häufig gesichts- und ideenlosen Baugebieten. Lösungsmöglichkeiten für die Nachfrage nach Wohnraum in Einzelhäusern gibt es dabei viele: Durch Lückenschluss, Um- und Nachnutzung, Sanierung und Umbau werden Flächen geschont, wird der Bestand wiederbelebt und der Ort fit gemacht für die Zukunft. Im Hinblick auf Ressourceneffizienz gilt es, einen starken Fokus auf energetischen Sanierungen und Bestandsumbauten zu legen und dabei vorhandene Förderinstrumente zu schärfen und auszuweiten.

Beim Um- und Neubau eines Einfamilienhauses empfiehlt es sich zudem, den Lebens- und Nutzungszyklus mitzudenken und nutzungsoffen zu planen. Wie kann die Fläche, ohne großen Umbauaufwand, nach dem Auszug der Kinder sinnvoll weiter genutzt werden? Bei einer variablen Aufteilung der Wohnfläche kann zu einem späteren Zeitpunkt z.B. ein Teil der Fläche als Einliegerwohnung vermietet werden.

Unsere Lösung sieht deshalb folgendermaßen aus:

  1. Bestehende Einfamilienhäuser weiter nutzen, umbauen und ausbauen.
  2. Neue Einfamilienhäuser sollten Einzelhäuser in Lücken sein, die den Bestand ergänzen. Sie müssen sorgfältig in ihr Umfeld eingefügt werden.
  3. Einfamilienhäuser können verdichtet gebaut werden, als Stadt- oder Reihenhäuser. Der Flächenverbrauch ist geringer und bei architektonischer Sorgfalt kann ein lebendiges Siedlungsbild entstehen.
  4. Wir brauchen familiengerechte Wohnformen in der Etage, mit großen Balkonen oder Terrassen, viel Licht und individualisierter Adresse als echte Alternative zum Einfamilienhaus.
  5. Aus sechs bis zehn Einfamilienhausinteressenten kann eine Baugemeinschaft werden, die zusammen spannender, lebendiger, wertbeständiger und zentraler bauen kann als jeder für sich im Baugebiet am Stadtrand.