09.12.2019, 17 Uhr Eigene Baustelle

„Mehr Flächenschutz durch lebendige Baukultur“

Reisebericht zur Fachexkursion „Besser Bauen in der Mitte“

Am 29. November 2019 veranstaltete die Bundesstiftung Baukultur in Kooperation mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) die Fachexkursion „Besser Bauen in der Mitte“ in der Oberpfalz. Die eintägige Bustour zu gelungenen Projekten der Innenentwicklung startete am Hauptbahnhof von Regensburg. Insgesamt standen sechs Stationen auf dem Programm.

Bei der Exkursion stand folgende Fragestellung im Fokus: Warum wird in Deutschland häufig an den falschen Stellen gebaut? Auf der „grünen Wiese“ entstehen häufig neue Einfamilienhaus- und Gewerbegebiete – mit guter Absicht, doch oft ohne wirklichen Bedarf. Dadurch verschwindet das Leben aus den Ortskernen und Leerstand macht sich breit. Die Exkursion verdeutlichte, dass gut gemachte Innenentwicklung einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Ortsentwicklung leisten kann. Die TeilnehmerInnen hatten die Gelegenheit, gut realisierte Beispiele zu besichtigen - umgesetzt von engagierten Bauherren, Architekten und entschlossenen Verwaltungen.

Station 1: Neues Leben für ehemals leerstehende Brauerei in Eilsbrunn

Der erste Halt war das Hotel Röhrl in Eilsbrunn. Im Ortskern von Eilsbrunn bei Regensburg ist ein exemplarisches dörfliches Ensemble erlebbar: Kirche, Pfarrhof, Schule, Stallungen und ein Wirtshaus. Das Hotel mit insgesamt 25 Zimmern ist das Resultat einer Sanierung und Bestandsergänzung einer über Jahrzehnte leerstehenden Brauerei im Ortskern. Die Familie Röhrl als Bauherrn und der Architekt Michael Kühnlein jun. von Kühnlein Architekten aus Berching führten durch das umgebaute Sudhaus. Andreas Röhrl berichtete über die Schwierigkeiten der Finanzierung und die statischen Herausforderungen beim Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes. Michael Kühnlein ergänzte, dass die Abrissgenehmigung des Objekts bereits vorlag. Ein Neubau hätte allerdings von der Straße deutlich zurückstehen müssen und hätte neben einer Baumassenreduzierung auch einen negativen Effekt auf das städtebauliche Ensemble gehabt. Der Umbau und die Sanierung des Hotel Röhrls ist somit ein wirklich gelungenes Beispiel der Innenentwicklung.

Station 2: Renovierung eines historischen Holzstadls am Kneitinger Wald

Im Anschluss ging es weiter nach Kneiting. Hier präsentierte der Architekt Max Otto Zitzelsberger einen historischen Holzstadl. Der Stadl ist knapp 100 Jahre alt und diente seit jeher als landwirtschaftliches Lagergebäude. Die Wetterseite hat schwer unter der Einwirkung des abfallenden Hangwassers gelitten. Das Fundament aus Bruchsteinen wurde durch Frosteinwirkung mürbe und gab unter der Last des schweren Daches nach. Die Bretter der ehemaligen Raffelschalung wurden auf der Westseite behutsam abgenommen. Der Stade musste dort sowie auf der Südseite angehoben werden, um an beiden Flanken ein neues Fundament aus rohem Eisenbeton bekommen zu können. Gut erhaltene alte Hölzer der Fassade sind wiedereingesetzt worden. Das neu verwendete Holz stammt aus dem nahe gelegenen Kneitinger Wald.

Station 3: Neues Rathaus vitalisiert den Ortskern von Zeitlarn

Die nächste Station war das Rathaus in Zeitlarn, wo die Gruppe nicht nur vom Architekten Stefan Schretzenmayr, sondern auch vom ersten Bürgermeister Franz Kröninger empfangen wurden. Der Entwurf zum Neubau des Rathauses geht aus einem Einladungswettbewerb hervor und stärkt die Potentiale des Ortes. Das neue Rathaus fügt sich wie selbstverständlich in die bestehende Baustruktur ein. Die Baumasse konzentriert sich am südwestlichen Ende des Baufeldes und rückt somit die Kirche ins Blickfeld des neu geschaffenen Platzes. Auf der anschließenden einstündigen Fahrt nach Cham, hatten die Teilnehmer die Möglichkeit sich mit den fürsorglich vorbereiteten Lunchpaketen der Organisatoren zu stärken.

Station 4: Veranstaltungsort für alle - Neubau der Stadthalle in Cham

Als vierte Station stand der Neubau der Stadthalle in Cham auf dem Programm. Die zweite Bürgermeisterin Christa Strohmeier-Heller, Architekt Prof. Ansgar Lamott, Leitung der Stadthalle Sandra Ofenbeck und Projektleiter der Stadt Cham Christian Müller erläuterten Anhand des Entwurf-Modells und einer aussagekräftigen Führung durch das gesamte Gebäude, wie sich die Stadthalle in den Ortskern eingliedern und das kulturelle Leben von Cham bereichert.

Station 5: Umbau im Bestand - Das Haus am Schedlberg

Bereits in der Dämmerung wurde die vorletzte Station der Exkursion erreicht: Das Haus am Schedlberg. Trotz regnerischem Wetter stapften die Teilnehmer durch den Wald bis zum Austragshaus hinauf. Mit eindrucksvoller Energie, Gestik und Überzeugung schilderte dort der Architekt Peter Haimerl die Hintergründe des Umbaus. Er baute mit dem, was vor der Tür lag: bemooste Granitblöcke zum Beispiel, die gedanklich zu 43 mal 43 Zentimeter dicken Betonbarren verarbeitet und in den Bestand geschoben wurden, um das verwitterte Holz zu stützen oder um ganze Wände skulpturenhaft zu ersetzen. Ein leidenschaftlicher und geistreicher Umgang mit dem Bestand.

Station 6: Ausgezeichnete Ortsmitte in Blaibach

Die Exkursion endete an der neuen Ortsmitte von Blaibach, bestehend aus dem Bürgerhaus und dem Konzerthaus. Gemeinsam mit dem Zweiten Bürgermeister Josef Speckner führte der Architekt Peter Haimerl die Teilnehmer durch den Bau, der gerne auch als das „Wunder von Blaibach“ beschrieben wird. Die Aufwertung des öffentlichen Raums in Verbindung mit dem architektonischen Alleinstellungsmerkmal des Konzerthauses verspricht Positives und bereichert den Ort auf baulicher, kultureller und wirtschaftlicher Ebene. Das Projekt erhielt 2015 eine Auszeichnung des Deutschen Architekturpreises. Der Ausklang dieses gelungenen Tages fand in der Enoteca Lucca in Blaibach statt.

Text: Julian Latzko

Die Fachexkursion wurde in Kooperation mit der Bayerischen Architektenkammer, der Bayerischen Ingenieurkammer-Bau und dem Deutschen Werkbund Bayern organisiert. Weitere Informationen zum Thema der Innenetwicklung finden Sie in unserem Handbuch „Besser Bauen in der Mitte“, das Sie auf unserer Webseite kostenfrei bestellen oder unter diesem Text als PDF herunterladen können.