Die Architektur sei die öffentlichste aller Künste und daher von weitester Bedeutung, schrieb ein heute weitgehend vergessener Kunsttheoretiker, Rudolf Adamy, Dozent an der Technischen Hochschule in Darmstadt, bereits im Jahr 1881.
Gerne verwendet die Politik dieses Zitat, seltener Architektinnen und Architekten selbst, obwohl es architektonischen Laien die Bedeutung und Aufgabe der Architektur mit wenigen Worten nahebringt. Adamy gelang damit eine Erklärung, die den Anspruch formuliert, den es von den Architektinnen und Architekten – heute mehr noch als zu seiner Zeit – einzufordern gilt: Architektur ist mehr als das reine Bauen. Sie ist Baukunst.
Diese Auffassung widerspricht einer Begleiterscheinung der Moderne, die vermeintlich den berechenbaren Aspekt des Bauens in den Vordergrund der architektonischen Arbeit rückte, wonach eine „materialgerechte“ Konstruktion und die Funktion als gestaltbildende Kriterien genügen.
Noch heute berufen sich viele auf den berühmten Satz „Form follows function“, der gerne dem amerikanischen Architekten Louis Sullivan zugeschrieben wird. Tatsächlich stammt dieser theoretische Gedanke ursprünglich vom Bildhauer Horatio Greenough, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinen frühen Thesen zu Kunst, Architektur und Design Wegbereiter des Funktionalismus wurde. Zu diesem Begriff schreibt Sullivan: „Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“ Sullivan fordert damit keineswegs den Verzicht auf Schmuck oder Ornamente. Auch Ästhetik und Symbolik besitzen eine Funktion. Mensch und Architektur sind untrennbar miteinander verbunden, oder noch einfacher gesagt: „So wie Du bist, so sind auch deine Gebäude.“ Julius Posener ersetzte später den Begriff der „Funktion“ durch den Begriff der „Wesenheit“ und der „Essenz“. Die Form solle nicht lediglich der Funktion, sondern dem „Wesen“ folgen, es abbilden und ihm gestalterischen Ausdruck verleihen.
Öffentliche Räume als Flure und Zimmer der Stadtgesellschaft
In einem Haus oder einer Stadt, die ausschließlich nach funktionellen Kriterien gestaltet wurde, möchte niemand dauerhaft leben. Sie sind, wie Alexander Mitscherlich es ausgedrückt hat, „unwirtlich“. Natürlich muss ein Gebäude auch funktionieren. Soll es aber Architektur sein, benötigt es darüber hinaus Bedeutung und Haltung. Erst dann sprechen wir von Baukunst. Rudolf Adamy nennt das „Formschönheit“. Ebenso wichtig ist der zweite Aspekt, den Adamy als wesentliche Eigenschaft im Vergleich zu den anderen Künsten anführt, nämlich die öffentliche Wirkung der Architektur. „Wer ein Innen baut, baut auch ein Außen“, lautet eine Regel, die wir Bauherrschaften gerne mit auf den Weg geben. Vor allem dann, wenn persönlicher Geschmack oder rein ökonomische Interessen das Bauvorhaben dominieren, ganz nach dem Motto: Wer bezahlt, soll auch sagen dürfen, wie ein Haus aussehen soll.
„Mehr als umbaute Luft“ ist der Titel einer bekannten Aufsatzsammlung von Max Bächer, die seine tiefgründigen Betrachtungen über Architektur und Zeitgeschichte bündeln. Der Satz bringt sein Kernverständnis auf den Punkt: Architektur erschöpft sich nicht in ihrer reinen physikalischen Hülle oder der bloßen Abgrenzung von Raum. Sie ist vielmehr ein gesellschaftliches, kulturelles und zutiefst politisches Phänomen.
Die Straße oder der Platz, an denen Bauwillige ihre privaten Vorstellungen umsetzen wollen, können wir – analog zur eigenen Wohnung – als Flure und Zimmer der Stadtgesellschaft betrachten. Diese Gesellschaft hat einen Anspruch auf eine lebenswerte und schöne Umgebung. Je angenehmer und harmonischer öffentliche Räume sind, desto lieber halten wir uns in ihnen auf, besuchen sie gerne, identifizieren uns mit ihnen und möchten dort wohnen. Insofern trägt die Schönheit der Stadt auch zur Ökonomie des Ortes bei. Leider blieb dieser Aspekt in der Moderne, bezogen auf das historische Erbe, weitgehend unbeachtet. Man dachte, die alten Stadtstrukturen mit ihren engen Gassen und der dichten Bebauung an die Ansprüche des Zeitgeistes, insbesondere des Autoverkehrs, anpassen zu müssen. Dichte wurde als bedrückend empfunden. Man propagierte größere Abstände zwischen den Häusern, um Licht und Luft in die Wohnungen zu bringen. Gleichzeitig bestimmte der Fortschrittsgedanke den Geschmack: Wertvoll erschien nur noch das Neue. Moderne Bauweisen galten zudem als viel wirtschaftlicher in Herstellung und Unterhalt. Die Ökonomie begann zunehmend das Bild der Stadt zu prägen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Kritik an der Seelenlosigkeit der Stadtlandschaften zunahm, erkannte man die vergessenen Qualitäten der alten Stadtzentren, die Schönheit ihrer Plätze, Gassen und Proportionen. Die Bürgerschaft verstand wieder, dass die Geschichte ihrer Stadt wesentlich für die eigene Identifikation mit dem Ort ist – und dass diese sichtbare Geschichte gepflegt werden muss. Regensburg gehört zu den ersten Städten Deutschlands, die den außergewöhnlichen historischen und ästhetischen Wert ihrer Altstadt erkannte. Es ist die Schönheit dieser Stadt, die sie für ihre Bewohnerinnen und Bewohner ebenso wie für Reisende begehrenswert macht. Die Qualität von Architektur und Städtebau ist ein wesentlicher Bestandteil des wirtschaftlichen Erfolgs. Der amerikanische Präsident Thomas Jefferson, selbst ein großer Freund der Architektur, soll gesagt haben, man solle fünf bis sieben Prozent mehr Geld für die Schönheit eines Bauwerks ausgeben. Der Mehraufwand amortisiere sich innerhalb weniger Jahrzehnte. Wie klug dieser Gedanke war, zeigt die von Jefferson geplante Universität von Charlottesville Virginia. Ihr Campus zählt bis heute zu den schönsten universitären Anlagen der Architekturgeschichte. Dort studieren zu dürfen, gilt noch immer als Privileg.
Schönheit, Vollkommenheit oder Harmonie
Heute sind Schönheit, Vollkommenheit oder Harmonie keine Kriterien, die für die Beurteilung von Architektur primär gelten. Man wünscht sich ein mängelfreies Bauwerk. Bezahlt werden Architekten und Architektinnen nach Quantitäten, die zur Qualität mutieren, wenn alle Bedingungen, vor allem Termine, Kosten und technische Daten erfüllt sind. Gute und schöne Architektur ist kein dekoratives Add-on, auf das man vermeintlich verzichten kann, auch keine ästhetische Spielerei. Sie ist vielmehr eine Grundbedingung für ein lebenswertes und ökonomisch funktionierendes Gemeinwesen. Daher ist es nur folgerichtig, wenn Städte, Bürgerschaft, Verwaltung und Politik eine hohe architektonische Qualität ihrer Häuser einfordern. Doch wer entscheidet darüber, was gut und schön ist? Und wer ist überhaupt in der Lage zu urteilen? Friedrich Schiller hielt in den Kallias-Briefen seine Gedanken zur Schönheit im Briefwechsel mit seinem Freund Christian Gottfried Körner fest. Er schreibt: „Geschmack zu haben, setzt Urteilsvermögen voraus. Urteilsvermögen zu haben, setzt Wissen und Bildung voraus“. Wie beim Verständnis von Musik, Literatur, Dichtung oder bildender Kunst setzt auch die Beurteilung von Architektur Wissen voraus: über Geschichte, Gesellschaft, Proportion, Material, Raum, Licht, Farben, Landschaft und vieles mehr. Dazu gehört neben dem Verständnis technischer und funktionaler Aspekte ebenso die Fähigkeit, künstlerische Qualitäten wahrzunehmen. Kritisches Denken, Erfahrung und Intuition ermöglichen kluge Entscheidungen – und befreien uns vom bloß subjektiven „Geschmack“.
Ist Schönheit berechenbar? Wäre sie es, gäbe es keine Kunst, keine Musik, keine Dichtung und keine Architektur. Schönheit zu erzeugen und zu erkennen, bleibt immer eine Frage der Intuition und der sinnlichen Wahrnehmung.
Wir leben in einer Zeit, die von Ökonomie und Ökologie stark geprägt ist. Man meint Architektur berechnen zu können. Architektur ist aber immer etwas Ganzes. Das ist wie beim Kuchen backen. Dazu braucht es mehrere Zutaten. Der fertig gebackene Kuchen kann aber im nachhinein nicht in Einzelteile zerlegt werden. Während die Ernährungswissenschaftlerin sich mit den Zutaten auskennt, aber keinen guten Kuchen backen kann, ist es der Konditor, der einen guten Kuchen zaubert, den er schön verziert und gerne präsentiert.
Wenn wir einen Gegenstand lange betrachten – seine Materialität, Herkunft, seine physische Beschaffenheit und die sich daraus ergebende Form – erkennen wir, ob ihm etwas hinzugefügt wurde, das seinem Wesen widerspricht. Dann bleibt der bloße Schein – eine Maskerade, die mit dem eigentlichen Werk nichts mehr zu tun hat. Leon Battista Alberti, der große Architekturtheoretiker der Renaissance und Verfasser einer zehnbändigen Architekturtheorie, formuliert zur Fragestellung, wie die Schönheit beurteilt werden könne, dass ein Bauwerk dann schön sei, wenn ihm nichts hinzugefügt, nichts weggenommen und nichts verändert werden kann, ohne seine Schönheit zu mindern.. Das klingt einfach – ist es aber nicht. Wer diesen Gedanken ernst nimmt, merkt schnell wie Aufmerksamkeit und Urteilskraft notwendig sind, um zu einer solchen Klarheit zu gelangen. Nicht umsonst hat Alberti die zehn Bücher geschrieben, um selbst dem Geheimnis nahezukommen, was gute Architektur ausmacht. Wie Sie merken, habe ich bewusst keine Bilder mitgebracht. Die Qualität eines Gebäudes erschließt sich nicht in seiner bloßen Abbildung. Ein Gebäude ist kein Objekt – es ist mehr als das. Architektur entsteht immer aus ihrem Kontext, aus der Zeit heraus und spiegelt die politische Gesinnung der Gesellschaft. Ein Bauwerk ist dann gelungen, wenn es im Einklang mit seiner Umgebung steht. Wenn es sich nahezu unsichtbar dem Regelwerk des Umfelds fügt. Wenn es den Bestand stärkt und einen spannenden öffentlichen Raum von hoher Aufenthaltsqualität formuliert. Wenn ein Ganzes entsteht.
Die Frage, die heute gestellt wird, lautet: Wie kann Gestaltung gelingen?
Ist ausgezeichnete Architektur immer ausgezeichnet? In der Fachwelt ist derzeit häufig von einer „neuen Ästhetik“ die Rede. Junge Kollegen und Kolleginnen suchen nach Ausdrucksformen, die sich von bekannten Vorbildern lösen. Mit großer Sorgfalt werden scheinbar unperfekte Bauten präzise geplant und ausgeführt. Albert Einstein soll gesagt haben: „Eine wirklich gute Idee erkenne man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erscheint“. Gerade darin liegt eine wesentliche Voraussetzung guter Architektur: Eine zukunftsorientierte Vision. Der Unterschied zwischen Ästhetik und Schönheit ist dabei subtil, aber wichtig. Schönheit ist das, was wir als angenehm, harmonisch oder anziehend empfinden, während die Ästhetik die Lehre oder Theorie der Wahrnehmung und das Bewerten von Sinneseindrücken darstellt. Zur Ästhetik gehört deshalb ebenso das Erhabene, das Hässliche, das Interessante und das Verstörende. Dazu zählen etwa der Brutalismus, monotone Plattenbauten der Nachkriegszeit, riesige Gebäudekomplexe der 1960er- und 1970er-Jahre oder auch ungewöhnliche Bauten, die als chaotisch und unpraktisch empfunden werden. Was heute als belanglos oder hässlich empfunden wird, ist keine feste Eigenschaft – sondern ein Urteil, das sich mit der Zeit ändern kann und wird.
Architektur spiegelt immer die Gesellschaft wider, aus der sie hervorgeht. Sie ist eine gebaute Momentaufnahme – mit all ihren Wiedersprüchen, Träumen, Hoffnungen und Entwicklungen. Die Zu- oder Abneigung gegenüber einem Ort hängt wesentlich von der Qualität des öffentlichen Raums ab. Kaum jemand käme auf die Idee, in Mestre Urlaub zu machen. Venedig, direkt benachbart, profitiert seit Jahrhunderten von der Schönheit seiner Räume. Fragt man Menschen, in welcher Stadt sie – unabhängig von Arbeitsmöglichkeiten – am liebsten leben möchten, entscheiden neben dem Wetter meist die gestalterische Qualität der Bauten und Schönheit des Stadtraums. Gerade deshalb wird die Frage der Gestaltung künftig noch wichtiger werden. Viele Berufe und die damit verbundene Arbeit können mittlerweile ortsunabhängig erledigt werden. Städte konkurrieren daher zunehmend im Bereich der Lebensqualität, Atmosphäre und Architektur. Wir sprechen also unmittelbar auch über Wertschöpfung.
Geschmack und gestalterische Qualität sind keine Kriterien, die der Beliebigkeit unterliegen, sondern die in die öffentliche Verantwortung gehören. Kirche und Staat haben durch Jahrhunderte hindurch in diesem Sinne Vorbilder geschaffen. Es gehört zur vornehmsten Aufgabe des Staates dafür Sorge zu tragen, dass unsere öffentlichen Räume und deren Wände eine hohe Gestaltqualität haben.