„Infrastruktur-Projekte sind oft wie ein Marathon“
© LT Fotografie
Herr Nagel, was können die Leserinnen und Leser sich unter einem Baukulturbericht vorstellen?
Als Bundesstiftung dürfen wir dem Bundeskabinett alle zwei Jahre einen Bericht vorlegen, der sich mit gesellschaftlich wichtigen Aspekten rund um das Bauen beschäftigt. Wir sprechen Dinge an, die wirklich dringlich sind und bei denen wir Entwicklungspotenziale sehen. Vor Corona haben wir die öffentlichen Räume in den Fokus genommen. Während der Pandemie ist, denke ich, uns allen bewusst geworden, wie wichtig für uns diese für jeden zugänglichen Plätze, Parks und öffentlichen Flächen sind und dass es in diesem Bereich Nachholbedarf gibt. Wir rücken Themen in den Mittelpunkt, die wichtig für die Entwicklung der Gesellschaft sind und vielen Menschen unter den Nägeln brennen.
Was verbirgt sich hinter dem Wort Baukultur? Das hört sich so wichtig und staatstragend an.
Viele denken, bei diesem Begriff drehe es sich um Denkmäler und ästhetisch wertvolle Gebäude. Darum geht es natürlich auch, aber nicht nur. In erster Linie hat die Baukultur den Anspruch, Räume und Bauwerke, in denen wir uns aufhalten, in denen wir arbeiten und leben, nicht irgendwie zusammenzuschustern, sondern möglichst hochwertig zu gestalten. Sie geben unseren Dörfern und Städten ein Gesicht, bilden Heimat und schaffen Identität. Unser Motto lautet daher: Räume prägen Menschen und Menschen prägen Räume.
Mit dem Wort hochwertig verbinden viele gleich auch hochpreisig. Ist Baukultur teuer?
Ja und Nein. Wer billig baut, spart erst mal Geld. Auf lange Sicht nicht unbedingt, denn wer Materialien verbaut, die nicht lange halten oder robust genug für den Alltag sind, zahlt später mehr für Reparaturen und der Unterhalt ist mitunter auch teurer. Was bei der langfristigen Betrachtung außerdem nicht außer Acht gelassen werden sollte: Städte und Gemeinden, die Wert auf Baukultur und Lebensqualität legen, sind attraktiv und ziehen damit Menschen und Unternehmen an. Mittel- und langfristig lohnt es sich also, in werthaltige Bauwerke und Gebäude zu investieren.
Aber erreichen Sie damit auch die Menschen oder sprechen Sie nur das Fachpublikum an? Kann sich jeder den Baukulturbericht besorgen?
Ja, jeder kann sich die Berichte auf unserer Webseite bestellen und kostenlos zusenden lassen oder direkt als PDF herunterladen. Der Baukulturbericht lässt sich zudem leicht lesen. Ganz bewusst verzichten wir auf das übliche Fachchinesisch und Anglizismen. Alle wichtigen Aussagen und Fakten werden durch einfache Infografiken erklärt. Auf jeden Fall wollen wir aus unserer Blase herauskommen und organisieren daher in jedem Jahr eine Sommerreise durch die Republik, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen.
Im Juni 2024 haben Sie den aktuellen Bericht zum Thema Infrastrukturen vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt war das Sondervermögen für diesen Sektor noch nicht beschlossen. Haben Sie den entscheidenden Impuls gegeben?
Das würde ich mir nicht anmaßen. Uns war aber klar, dass die Infrastruktur seit vielen Jahren vernachlässigt wird und gleichzeitig enorm bedeutsam für das gute Zusammenleben in unserem Land ist. Angesichts der nicht wenigen Anforderungen, die wir in Zukunft an die technische und soziale Infrastruktur stellen, ist ein sehr hoher Investitions- und Unterhaltungsaufwand nötig. Daher war uns klar, dass wir damit richtig liegen werden. Unser Ziel mit den Berichten ist es, Handlungsmöglichkeiten und -empfehlungen aufzuzeigen. Wir wollen nicht problematisieren, sondern konkrete Beispiele geben, wie Dinge im architektonischen Alltag umgesetzt werden können. Wenn wir über Infrastruktur sprechen, denkt jeder an Straßen und Brücken, Bahnhöfe und Gleisanlagen, Flughäfen und Wasserwege. Dass in deren Ausbau und Erhalt investiert werden muss, ist den meisten klar. Nicht so im Fokus sind die soziale und kulturelle Infrastruktur.
Was ist darunter zu verstehen?
Dabei handelt es sich um Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Universitäten, Theater, Schwimmbäder, Pflegeheime, Bibliotheken, Rathäuser und Parks. Diese öffentlichen Plätze und Bauwerke sind die erste Schicht unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung und deshalb wichtig für den sozialen Zusammenhalt. Hier leben, wohnen und arbeiten wir. Sie tragen also unmittelbar dazu bei, dass wir uns wohlfühlen, wenn wir uns in so einem Gebäude oder einer Außenanlage aufhalten.
Oft beschweren sich Menschen über die nicht funktionierende Infrastruktur. Wie kann es gelingen, dass diese wieder mehr Wertschätzung erfährt?
Indem wir Wissen vermitteln und so ein Bewusstsein schaffen, wie wichtig und elementar die technische und soziale Infrastruktur für ein gutes Zusammenleben ist. Wir nehmen vieles als gegeben hin und betrachten es mittlerweile als selbstverständlich, dass der Strom aus der Steckdose kommt, das Trinkwasser aus dem Hahn sprudelt und gut schmeckt. Wenn Straßen Schlaglöcher haben, Schulen kaputt sind und die öffentlichen Toiletten nicht funktionieren, entsteht ein gewisses Frustrationspotenzial. Die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich nicht ernst genommen. Wir müssen uns also wieder Mühe geben, Bauwerke zu bauen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, die gut funktionieren, werthaltig sind und niedrige Instandhaltungskosten verursachen. Also nicht, wie leider viel zu häufig zu sehen, ohne echten Gestaltungsanspruch und zu den scheinbar geringsten Kosten zu bauen.
Mithilfe des Sondervermögens könnten also Frust und Ärger über schlechte und marode Infrastruktur in der Bevölkerung abgebaut werden?
Für mich ist dieses Sondervermögen ein Signal der Politik, die Aufgaben und Herausforderungen der technischen, sozialen und kulturellen Infrastruktur in besonderer Weise anzugehen und ernst zu nehmen. Streng genommen handelt es sich um Sonderschulden. Wenn die vielen Milliarden Euro klug eingesetzt werden, kann aber ein echtes Anlagevermögen für unsere Gesellschaft und die nachfolgenden Generationen entstehen. Blinder Aktionismus hilft jetzt nicht. Geld allein baut keine guten Straßen, Brücken, Schulen, Kitas, Bibliotheken, Krankenhäuser und Parks. Die größten Gefahren bestehen darin, dass die Baukosten jetzt in die Höhe getrieben und Mitnahmeeffekte produziert werden, das viele Geld also einfach verpufft. Und es dürfen nicht nur die großen Städte davon profitieren – auch der ländliche Raum braucht Investitionen.
Können Sie uns vorbildliche Beispiele für soziale Infrastrukturen im ländlichen Raum nennen?
In der Region Seltenrain in Thüringen wurden vier Gesundheitskioske errichtet. Die Bevölkerung aus der Umgebung kann sich dort zu gesundheitlichen und sozialen Belangen beraten lassen und muss für kleine Untersuchungen nicht mehr in die nächstgrößere Stadt fahren. Das ist aber noch nicht alles, denn die hölzernen Bauwerke dienen auch als Bushaltestelle und Treffpunkt im Dorf. Es gibt Ladestationen für E-Bikes und E-Autos, es gibt eine Infowand zu Veranstaltungen und einen Pop-Up-Store mit Produkten aus dem Dorf.
© Till Budde
© Thomas Müller
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Werden die Kioske gut angenommen und könnten diese auch in anderen ländlichen Regionen errichtet werden?
Sie werden sehr gut angenommen, gerade weil sie multifunktionale, flexible Orte sind, die die verschiedensten Bedürfnisse der ländlichen Gesellschaft ansprechen. Ein kleines Detail für eine wiedergewonnene Zukunft. Und es spricht natürlich nichts dagegen, dieses Konzept auch in anderen Regionen und Dörfern umzusetzen. Denn nur da, wo es eine infrastrukturelle Grundausstattung gibt, werden Menschen sesshaft.
Denken wir in Deutschland vielleicht zu monothematisch? Eine Schule ist eine Schule und ein Wasserkraftwerk ist ein Wasserkraftwerk?
Gewissermaßen schon. Die Aula der Schule könnte am Abend oder an Wochenenden einem Chor als Proberaum und der Gemeinde als Veranstaltungssaal dienen. Was die Mehrfachnutzung öffentlicher Gebäude betrifft, sind sicherlich noch einige Hürden zu überspringen, angefangen bei Haftungsfragen über Verantwortlichkeiten der unterschiedlichen Nutzer bis hin zu Verkehrssicherungspflichten. Bei anderen Bauwerken ist das mitunter einfacher. In Kempten beispielsweise wurde ein Café samt Aussichtsplattform, zusätzlichem Hochwasserschutz und einer Fischtreppe in ein Flusskraftwerk integriert. Das Kraftwerk wird gar nicht mehr als solches wahrgenommen, sondern als ein lebendiger und wertvoller Ort. Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, wenn über Zuständigkeitsbereiche hinweg gedacht würde und mehr solcher vielfältig zu nutzenden Bauwerke entstünden.
Gibt es weitere Bauwerke, die technische und soziale Infrastruktur verbinden, obwohl wir dies auf den ersten Blick gar nicht so wahrnehmen?
Im Bereich Hochwasserschutz gibt es einige nennenswerte Beispiele. In Hamburg entstand der Elbe-Boulevard zwischen Landungsbrücken und Baumwall. Zur Elbe und zur Straße hin gibt es Stufen, die zum Sitzen einladen. Der Wall ist erhöht und viele denken, er sei bewusst so hoch gebaut worden, damit die vorbeifahrenden Schiffe besser beobachtet werden können. In erster Linie dient er allerdings dazu, die Stadt vor Überflutungen zu schützen. Auch in Regensburg wurden entlang der Donau auf 43 Kilometern Länge Promenade, Radweg, Strand und Treppen zum Wasser gebaut. So erhielt das reine Schutzbauwerk zusätzliche Nutzwerte. Es dient den Menschen zum Flanieren und für ihre Freizeitaktivitäten. Die technische Infrastruktur, die uns schützt, kann tatsächlich auch Spaß machen – und jeder hat das Gefühl, dass das Geld sehr sinnvoll ausgegeben wurde.
Wie kann die vorhandene Infrastruktur weiterentwickelt, neue Bauwerke konzipiert und das Sondervermögen möglichst gezielt investiert werden?
Infrastruktur-Projekte sind oft wie ein Marathon. Sie sind in der Regel langwierig, komplex und stehen zudem im Fokus der Öffentlichkeit. Es braucht dafür eine gute Prozesskultur – und das schon in der sogenannten Phase Null, bevor die eigentliche Planung startet. Je gründlicher ein Projekt vorbereitet, Rahmenbedingungen abgeklärt und Entwicklungsspielräume ausgelotet wurden, desto besser wird später das Bauwerk. Terminpläne werden eingehalten und die Baukosten nicht überschritten. Bei allen Überlegungen und Ideen sollte der Mensch wieder als Maßstab im Mittelpunkt der Planung stehen. Nur so entstehen langlebige und leistungsfähige Gebäude und Infrastrukturen, technische Bauwerke und Gebäude, die von der Bevölkerung wertgeschätzt und gerne genutzt werden.
Das Interview führte Gunnar Brand für die Zeitschrift “DAS HAUS” (Ausgabe 7-8/2025).