Umbauen statt neu bauen: Was zunächst nach Einschränkung klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Zukunftsmodell voller Chancen. In der gebauten Substanz steckt graue Energie, die sich in goldene Energie verwandeln lässt, wenn das Vorhandene als Ressource erkannt wird. Der Tag der Umbaukultur stellt genau das in den Mittelpunkt: gute Beispiele, die zeigen, wie Kreativität, Mut und Respekt vor dem Bestand unsere gebaute Umwelt zum Besseren verändern können. Der Summit des bdia schloss unmittelbar an dieses Verständnis an und erweiterte den Diskurs um die Perspektive der Innenarchitektur.
Der bdia setzt ein Zeichen
Gastgeber*innen waren bdia Präsident Prof. Carsten Wiewiorra und das Präsidium mit Gabriela Hauser und Johann Haidn. Durch den Tag führte Journalist und Moderator Jörg Thadeusz. Für den bdia war der Summit mehr als eine Fachveranstaltung. Er markierte einen inhaltlichen Wendepunkt hin zur aktiven Mitgestaltung baupolitischer Diskurse und wird von uns zukünftig jährlich veranstaltet.
Carsten Wiewiorra betonte in seiner Begrüßung, dass Innenarchitektur längst weit über die klassische Raumgestaltung hinausgeht. Sie operiert an der Schnittstelle zwischen Mensch, Raum und Umwelt. Damit wird sie zu einem zentralen Akteur der Umbauwende, dem notwendigen Paradigmenwechsel, der Bestand als Zukunftsbasis versteht.
Impulse für eine neue Umbaukultur
Die Vorträge der eingeladenen Referent*innen verdeutlichten, wie vielschichtig die Aufgaben sind, die mit dem Bauen im Bestand verbunden sind.
Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, formulierte im Grußwort ein klares Plädoyer für eine neue Baukultur, in der Umbau nicht Ausnahme, sondern Haltung ist. Sie forderte Räume, in denen Demokratie gelebt wird und in die Einsamkeit keinen Einzug hält. Solange Bauordnungen Abriss belohnen und Umbau behindern, verschenken wir Zukunft.
Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, nahm den Staffelstab auf und betonte die politische Wirksamkeit der Innenarchitektur. Er bezeichnete Innenarchitekt*innen als „Hoffnungsträger“ einer nachhaltigen Baukultur. „Wenn ich etwas im Bestand bauen will, frage ich als erstes Innenarchitektinnen oder Innenarchitekten,“ erklärte Nagel und machte damit deutlich, dass Innenarchitektur als Disziplin über ein besonderes Gespür für die Umbaukultur verfüge.
Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, lenkte den Blick auf die sogenannten „Dritten Orte“ – jene hybriden Räume zwischen Arbeit, Alltag und Gemeinschaft, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Ihre Qualität, so Schmal, entscheide wesentlich über gesellschaftlichen Zusammenhalt. Innenarchitektinnen und Innenarchitekten käme hier eine Schlüsselfunktion zu, da sie diese Schnittstellen gestalten und Atmosphäre stiften.
Einen weiteren Fokus setzte Dr. Daniel Fuhrhop, Ökonom und Autor, der die Potenziale des vorhandenen Wohnraums ins Zentrum rückte. In vielen Städten, so Fuhrhop, liege mehr ungenutzter Raum brach, als man an Neubauten schaffen könne. Es fehle nicht an Fläche, sondern an organisatorischer Intelligenz. Er forderte, kommunale Potenzialkataster, Wohnagenturen und flexible Wohnformen sichtbar zu machen und sie als Fundament einer echten Umbaukultur zu begreifen. Leerstände, Kirchen, Büros oder Dachgeschosse seien keine Altlasten, sondern gebaute Ressourcen.
Ästhetik des Unvollkommenen
Neben den gesellschaftlichen und politischen Dimensionen des Umbaus thematisierte der Summit auch den ästhetischen Paradigmenwechsel, der mit dem Arbeiten im Bestand einhergeht.
Prof. Dr. Michael Heinrich von der Hochschule Coburg erinnerte daran, dass „Innenarchitektur bei Umfeld und Empfindung beginnt“. Menschen seien Sinnsucher, die Bindung und Identität aus vertrauten Strukturen schöpfen. Bestand ermögliche genau diese emotionale Verortung.
Prof. Dr. Tanja Remke von der Internationalen Hochschule beschrieb den Wandel hin zu einer „Ästhetik der Imperfektion“. Räume dürfen Spuren tragen, sie müssen nicht perfekt sein, sondern offen bleiben für Aneignung und Veränderung. „50 Prozent ist Bauen, 50 Prozent ist Kommunikation“, betonte Remke. Perfektion schließe ab, Umbau halte offen. Vielleicht sei genau das die eigentliche Definition von Nachhaltigkeit.
Prof. Mikala Holme Samsøe von der Hochschule Augsburg führte diesen Gedanken weiter. Sie sprach von einem zirkulären Verständnis des Bauens, in dem eine noble Patina entstehen darf. Schönheit müsse neu definiert werden – als Ausdruck von Wertschätzung statt Abrissökonomie.
Die Beiträge machten deutlich, dass Umbaukultur nicht allein eine bauliche oder technische, sondern vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Tiefe Eingriffe in die Bausubstanz und komplexe Anforderungen der Behörden fordern die Innenarchitekt*innen, eröffnen zugleich aber auch den Raum für einzigartige, nutzungsbezogene Lösungen. Entscheidend ist dabei die Haltung der Beteiligten: Bauherr*innen, die mitdenken, mitgestalten und Veränderung als gemeinsame Aufgabe verstehen, sind unverzichtbare Partnerinnen und Partner dieser Baupraxis.
Haltung trifft Praxis
Abgerundet wurde das Programm des Summits durch Workshops und Projektvorstellungen, die zeigen, wie gelungenes Bauen im Bestand aussehen kann. Von der Transformation ehemaliger Militärareale, Sportstätten oder Bahnhöfe bis zur behutsamen Revitalisierung historischer Wohngebäude zu Pflegeeinrichtungen, Kitas oder Praxen reichten die Beispiele, die eindrucksvoll belegten, wie innovativ Innenarchitektur auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert.
Das Programmkomitee – bestehend aus Hannes Bäuerle, Simone Jüschke, Prof. Sabine Krumrey, Monika Lepel, Andrea Rausch, Prof. Dr. Tanja Remke, Petra Stephan, Prof. Jens Wendland und Prof. Carsten Wiewiorra – hatte das inhaltliche Konzept in mehreren Sitzungen erarbeitet und kuratiert.
In seiner Take-Home-Message fasste Prof. Carsten Wiewiorra die Erkenntnisse des Summits zusammen und stellte die Berliner Erklärung vor, die die Ergebnisse des Kongresses in fünf Kernaussagen bündelt.