Baukultur Sommerreise - Nächster Halt: Ingenieurbaukunst

© Andreas Meichsner

Skywalk am Königsstuhl – Ingenieurbaukunst zwischen Naturerleben und Umweltschutz, Sassnitz

Der Skywalk am Königsstuhl auf Rügen ist weit mehr als eine spektakuläre Aussichtsplattform. Er steht beispielhaft dafür, wie anspruchsvolle Ingenieurbaukunst, Naturschutz und Architektur miteinander verbunden werden können – und das in einer Landschaft, die sich ständig verändert: durch Wind, Frost, Wasser und Witterung verliert die Kreideküste in aktiven Abschnitten bis zu 30 Zentimeter pro Jahr. Auch der Königsstuhl wird dadurch nach und nach kleiner.

Bereits im Winter 1992/1993 wurde mit einer Holzbrücke versucht, diesen Aussichtspunkt zu sichern. Schnell wurde jedoch klar, dass eine neue Lösung erforderlich ist. Dafür formulierten die Verantwortlichen in Sassnitz, das Nationalparkzentrum und die Stadt, klare Ziele: Die Aussicht sollte dauerhaft erlebbar bleiben, der empfindliche Königsstuhl entlastet und die geschützte Kernzone des Nationalparks möglichst geschont werden. Gleichzeitig sollte sich das Bauwerk filigran in die Landschaft einfügen und das bronzezeitliche Hügelgrab auf dem Gelände inszenieren.

Technisch stellte der Skywalk höchste Anforderungen an das beauftragte Ingenieurbüro, schlaich bergermann partner. Das Herzstück der Konstruktion ist ein 42 Meter hoher Mast. Da die Last nicht auf das Steilufer wirken darf, ruht das Bauwerk auf einem massiven Unterbau von etwa der Größe eines Einfamilienhauses. Große Bohrpfähle leiten die Kräfte rund 50 Meter tief in tragfähige Bodenschichten ab. Die Abspannseile stabilisieren den Mast, zwei etwa 70 Meter lange Tragseile tragen die freischwebende Plattform. Auch vor dem Hintergrund, dass eine Standzeit von mindestens 100 Jahren nachgewiesen werden musste.

Nicht nur die Technik machte das Projekt besonders, sondern auch der Umgang mit der Öffentlichkeit. Anfangs gab es deutliche Kritik am Bauvorhaben. Die Verantwortlichen setzten deshalb auf Transparenz: Informationsveranstaltungen, Flyer v.a. für die Haushalte in Sassnitz, ein Info-Container am Nationalparkzentrum und eine Webcam, die den Bau rund um die Uhr übertrug, schufen Vertrauen. Selbst die Schließung des alten Aussichtspunktes wurde mit einer offiziellen Verabschiedungszeremonie begleitet. Die Besucherzahlen bestätigen den Erfolg. Seit der Eröffnung des Skywalks kommen mehr Menschen an den Königsstuhl.

Heute gilt der Skywalk als gelungenes Beispiel dafür, wie Baukultur entsteht. Das Projekt ist das Gemeinschaftswerk von Ingenieurinnen und Ingenieuren, Landschaftsplanern und vielen weiteren Beteiligten. Ein Besucher brachte seine Eindrücke sinngemäß auf den Punkt: „Ich schaue jetzt ganz anders auf Ingenieure.“

Der Skywalk in Sassnitz wird ausführlich auch im aktuellen Baukulturbericht 2026/27 Gestalten vorgestellt. Hier finden Sie auch weitere gute Beispiele der Ingenieurbaukunst. 

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