12.03.2020, 13 Uhr Baukultur ist ...

07 / Angela Elis: Baukultur ist...

... wichtiger denn je

Zukunft gestalten heißt heute nicht nur, Beton zu bewegen, sondern es bedeutet zugleich, die Frage der individuellen Mobilität neu zu klären. Es muss darum gehen, die Städte wieder mit Leben zu füllen. Nicht mehr nur Autos, Autos, Autos und dazu ein paar Tempolimits und Spielzonen.

Über Jahrzehnte hat der motorisierte Individualverkehr das Gesicht unserer Städte genau so geprägt. Doch damit muss Schluss sein. Das Asphaltzeitalter könnte bald hinter uns liegen. Was uns jetzt fehlt, sind neue Träume und Visionen, ja Utopien für eine ganz andere Art von Mobilität. Damit auch die Architekten und Baumeister unsere Städte für das neue Unterwegssein fit machen können. Vielleicht werden die neuen Häuser zugleich die Tankstellen für das Elektroauto sein. Konzepte für den Transport sollten jedenfalls neu gedacht werden, gemeinsam mit Architektur und Design und den Energieberatern.

Für die Baukultur bietet die Elektromobilität beispielsweise großartige Möglichkeiten. Mit ihr können wir es schaffen, dass unsere Städte wieder Tummelplätze und Boulevards bekommen, auf denen man sich gerne trifft und tanzt und lacht. Neue, moderne Mobilität könnte wieder Platz schaffen für: mehr Spiel- und Sportplätze, mehr Ruheoasen, mehr Grünflächen und Bäume an vielen Orten in der Stadt.

Gewohnheiten aufgeben

Eine neue Form der Mobilität und Stadtplanung ist aber auch eine Herausforderung für den Kopf jedes Einzelnen. Es hieße nämlich nichts Geringeres, als alte Gewohnheiten aufzugeben. Etwa darauf zu verzichten, das eigene Auto den Großteil der Zeit unbenutzt im gemeinschaftlichen Stadtraum zu parken. Aber denken wir einmal nach, wie unwirtschaftlich das ist. Wieviel Geld wir sparen, wenn wir die Dinge nur in dem Augenblick nutzen, in dem wir sie brauchen. Und auch nur dann zahlen.

Wie das konkret aussehen könnte? Ich stelle mir das so vor: Ich komme abends aus dem Theater, schalte das Smartphone an, es findet meine Position, und dann tippe ich ein, wohin ich möchte. Innerhalb von nur 15 Sekunden bietet mir das Gerät drei verschiedene Optionen an. Schnellster Weg, die preiswerteste Variante und dann noch eine mittlere Version. Es zeigt mir, wie ich mit welchem Vehikel von A nach B komme und wie lange das dauert. Vielleicht gibt es sogar noch drei andere Bestellungen in meine Richtung und man kann billig zusammen fahren.

Keine Wartung meines Autos mehr, keine Reparatur, keinen Ärger mit den Knöllchen. Die Abbuchung erfolgt am Monatsende wie bei der Telefonrechnung, wenn ich es möchte, per Bankeinzug. Wir dürfen uns das Ganze nicht kompliziert vorstellen. Es wird eine Erleichterung sein, wenn wir es erst einmal begriffen haben.

Neuer Verkehrstyp

Ich habe kein Problem damit, mir die Stadt, die eine neue Form der Mobilität zulässt, schön auszumalen. Baukultur umfasst dann aber auch Räume, die von einem neuen Typ von Verkehr geprägt sind. Sie umfasst schön gestaltete Brücken, Bahnen und neue Vehikel für den individuellen Transport. Noch sind wir aber nicht so weit. Noch schließen sich Baukultur und Mobilität vielerorts aus. Modellversuche müssen uns als Schaufenster den Weg in die Zukunft weisen. Und wir brauchen eine Gruppe Menschen, die early mover sind, die Fortschrittlichen, die das Thema für sich entdecken. Das alles wird uns helfen, die neue Mobilität anschaulich und begreifbar zu machen und in den Alltag unserer Städte zu integrieren.

Ich bedaure, dass es Modellversuche meist nur in Großstädten gibt. Gerade die Kleinstädte brauchen Mobilität, um ihre Baukultur zu bewahren und – gut vernetzt und angebunden – attraktiv zu bleiben. Ich würde auch gern per Flinkster oder car2go oder DriveNow und ähnlichen Konzepten von Stralsund bis Kap Arkona fahren können.

Optimistisch bin ich dennoch. Bedenkt man, dass das Auto erst 125 Jahre alt ist und es damals extreme Widerstände gab und die Allgemeinheit der Meinung war, niemand brauche so etwas, hat sich doch in überschaubarer Zeit vieles verändert.

Angela Elis Moderatorin, Journalistin und Autorin, Markkleeberg
geboren 1966 in Leipzig, studierte nach Ausbildungen als Designerin und Pädagogin Theologie in Leipzig und Berlin sowie Theologie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse in Frankfurt am Main. Seit 1993 arbeitet sie als freie Journalistin und Moderatorin für ARD, mdr, 3sat und ZDF und als Kolumnistin für den „Tagesspiegel“. Seit 2005 ist Elis als Buchautorin tätig und moderiert Veranstaltungen für Ministerien von Land und Bund, wissenschaftliche Organisationen, Institutionen und Stiftungen sowie Unternehmen. 2012 moderierte sie den Konvent der Baukultur der Bundesstiftung in Hamburg.