Schierke

Baukultur gewinnt Preise

Als letzter Ort unterhalb des Brockens bietet der traditionsreiche Kur- und Wintersportort Schierke ideale Voraussetzungen. Doch ab 1961 verhinderte das Dasein als Sperrgebiet jegliche Entwicklung und nach der Wende war Urlaub im Harz erstmal uninteressant. Heute kommen wieder mehr Touristen, die allerdings zeitgemäße Angebote suchen. Mit nur 700 Einwohnern konnte sich Schierke aber kaum aus eigener Kraft touristisch breiter aufzustellen, etwa auch als Kulturort. Die nötige Schlagkraft brachte 2009 die Eingemeindung in das 20 Kilometer entfernte Wernigerode. Dort beschloss man 2011 unter Einsatz von Fördermitteln ein millionenschweres Investitionsprogramm für Schierke. Straßen wurden erneuert, das Ufer des Flusses Kalte Bode neu befestigt, Sportanlagen und öffentliche Einrichtungen modernisiert. Am Ortsrand entstand 2014 ein neues Parkhaus für gut 700 Fahrzeuge. Der Ortskern, der von 300 Parkplätzen befreit wurde, ist über eine neue Brücke und eine Grünanlage erreichbar. Diese Impulse sollen nicht zuletzt private Investitionen in die Hotellandschaft anstoßen.

Das denkmalgeschützte Natureisstadion von 1950 sollte zu einer modernen Arena für Sport- oder Kulturveranstaltungen werden, zu jeder Jahreszeit witterungsgeschützt. Das 2013 ausgeschriebene VOF-Verfahren gewann das Berliner Architekturbüro Graft mit einem deutlich expressiveren Entwurf als die Konkurrenz – allerdings auch mit der ehrlichen Aussage, dass die veranschlagten 3,5 Millionen Euro für das gewünschte Programm nicht ausreichen würden. Die Auslober ließen sich überzeugen, zumal das Denkmalschutzamt keine Einwände hatte und die Tourismusbehörde aus marketingstrategischen Gründen ein einprägsames „Signature-Building“ befürwortete, das auch von sich aus Anziehungskraft besitzt.

In Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich Bergermann Partner entstand ab 2016 eine gegenläufig gekrümmte Schale mit etwa 70 Metern Spannweite und 2.400 Quadratmeter Dachfläche. Sie besteht aus einem Stahlseilnetz, das mit einer PTFE-beschichteten Glasfasermembran bespannt ist. Der stählerne Druckring liegt nur an zwei Stahlbeton-Auflagern auf, sodass vom überdeckten Spielfeld der Blick auf die bewaldeten Hänge frei bleibt. Auch die Sichtbeziehung zum historischen Schiedsrichterturm bleibt gewahrt. Trotz des starken architektonischen Eingriffs ist also das alte Stadion noch erkennbar. Seine Natursteinterrassen aus Harzer Granit sollten eigentlich nur ausgebessert und gemäß heutiger Versammlungsstättenverordnung abgesichert werden. Die Substanz erwies sich jedoch als so marode, dass neue Tribünen aus Beton erforderlich wurden, vor die man die Originalsteine setzte. Der hölzerne Schiedsrichterturm wurde gesichert und erhielt neue Fenster. Hinzu kamen, nahe der beiden Auflager, zwei in die Topografie eingepasste Funktionsgebäude für Gastronomie, Technik, Verwaltung, Sanitär- und Umkleideräume.

An die Stelle der Natureisbahn sollte eine zuverlässigere Kunsteisfläche treten. Das erforderte besondere ökologische Sensibilität, denn Schierke liegt im Naturpark Harz und die Arena direkt an der Kalten Bode. Als Zufluss einer Trinkwassertalsperre gelten für sie strenge Auflagen: Kühlmittel dürfen also keinesfalls hineingelangen. Als Untergrund der Eisfläche dient ein Drainage-Asphalt, durch den das abtauende Eiswasser hindurchsickert und in den Fluss eingeleitet wird. Die Kühlung auf Glykolbasis erfolgt innerhalb eines geschlossenen Systems durch in den Asphalt eingelegte Leitungen.

Neben winterlichen Angeboten wie Eislaufen, Eishockey oder Eisstockschießen ist seit der Sommersaison 2018 ein breites Spektrum von Sport- und Kulturveranstaltungen hinzugekommen. Ob mit Hüpfburg und Trampolin bei den Kinderferienspielen, mit mobiler Kletterwand, als Freiluftkino, Konzertarena oder Rollschuhdisko, ob für Wanderfestivals, Sommer-Biathlon, Mountainbike-Events oder die beliebte Walpurgisnacht: Schierke hat eine Attraktion gewonnen, die weit in die Region ausstrahlt.

Planungszeitraum 2013-2017
Architekt / Planer

Graft, Berlin; schlaich bergermann partner, Stuttgart; WES Landschafts- Architektur, Hamburg

Größe / Fläche 70 Meter Spannweite, 2.400 m2 Dachfläche, 890 m2 Bruttogeschossfläche (BGF) Gebäude
Baukosten brutto 8 Mio. Euro
Nutzungen
Öffentliches Bauen
Stadtplanung