Einleitung: Reiner Nagel

Baukultur in Worte fassen

Die meisten Menschen träumen in Farbe und denken dreidimensional. Und jeder kennt das Gefühl, von einer räumlichen Situation, einem Orts- oder Landschaftsbild oder einem Bauwerk begeistert zu sein und es anderen zeigen zu wollen. Dennoch sind wir im Alltag von gebauten Lebensräumen umgeben, die eher an den Kriterien einer standardisierten Routine als an der Zielsetzung der nachhaltigen und deshalb schönen Stadt ausgerichtet sind. Angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen haben wir uns angewöhnt, auf Anforderungen zu reagieren statt – zuweilen auch ungefragt – zu gestalten. Dabei liegt im Planen und Bauen eines der wichtigsten und größten Handlungsfelder, um eine erstrebenswerte Zukunft entstehen zu lassen.

Mit dem zweiten Essayband zur Baukultur gehen wir auf Autorinnen und Autoren mit ganz unterschiedlichen, fachlichen und persönlichen Hintergründen zu. Ursprünglich hatten wir uns strukturierende Fragen ausgedacht. Die meisten Essayisten haben sich aber davon freigemacht und direkt losgelegt, in dreiunddreißig sehr lesenswerten, inspirierenden Beiträgen. Entstanden sind bedenkenswerte Drei-Minuten-Lektüren, die die eigene Reflexion über Baukultur ergänzen oder erst auslösen können. Während der erste Essayband eher noch eine Positionsbestimmung zur gesellschaftlichen Rolle von Baukultur in Deutschland war, so wird der Ton im zweiten Band teilweise kämpferischer, und hin und wieder schwingt auch eine Portion Ungeduld und Frustration über die Realität unserer gebauten Umwelt und deren „Produktionsbedingungen“ mit. Verständlich, wenn man überlegt, wo wir gestartet sind, und wie weit wir noch gehen müssen, um Baukultur zu einem allgemeinen, gesellschaftlichen Anliegen zu machen.

Schon 2001 waren auf dem Kölner Kongress der Initiative Architektur und Baukultur, der schließlich zur Gründung der Bundesstiftung führte, die Diagnosen zur Situation unserer gebauten Umwelt sehr ernüchternd. Von Ratlosigkeit, Enttäuschung und Resignation war die Rede, die sich eher in Pragmatismus denn in Gestaltungslust abbilde. Fast zwei Jahrzehnte später klingt das in der „Erklärung von Davos zur Baukultur“ immer noch ähnlich: Überall in Europa zeichne sich „ein allgemeiner Verlust an Qualität der gebauten Umwelt und der offenen Landschaften ab, was sich in einer Trivialisierung des Bauens, in fehlenden gestalterischen Werten und einem fehlenden Interesse für Nachhaltigkeit, in zunehmend gesichtslosen Agglomerationen und verantwortungslosem Landverbrauch, in einer Vernachlässigung des historischen Bestandes und im Verlust regionaler Identitäten und Traditionen zeigt.“

Was sich aber inzwischen geändert hat, ist das politische und gesellschaftliche Interesse an Baukultur und die Erkenntnis, dass eine positive Wende über den Einzelfall hinaus auf breiter Ebene nur gemeinsam erreicht werden kann. Im Bewusstsein derjenigen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen, die früher gesagt hätten, dass Baukultur nicht ihr Thema sei, ist die Mitwirkungsbereitschaft für die gebaute Umwelt gewachsen.

Hier haben die Baukulturberichte an die Bundesregierung, die mit fundierten Argumenten, folgerichtigen Analogieschlüssen, informativen Grafiken und guten Beispielprojekten den gesellschaftlichen Stellenwert von Baukultur aufzeigen, ihre stetige Wirkung entfaltet. Manchmal erzielen aber eine kleine Geschichte, ein kluger Gedanke oder ein persönlicher Rat mehr Wirkung als viele Worte von Berichterstattern. Wir müssen in der Lage sein, Räume und Bauwerke als Ergebnisse von Baukultur auch zu empfinden und wenn möglich, diese Empfindungen auch in Worten ausdrücken können. Wenn, wovon wir überzeugt sind, Baukultur einen Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten kann, dann müssen wir auch sagen, wie das konkret aussieht, zum Beispiel in uns beherbergenden Räumen, in Geborgenheit und Sicherheit bietenden Quartieren, in lebendigen Nachbarschaften und in uns emotional berührenden Bauwerken.

Die folgenden Texte erörtern hierzu aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln neue und persönliche Perspektiven. Sie werden in diesem Essayband erstmalig veröffentlicht. Alle dreiunddreißig Beiträge sind uns von den Autorinnen und Autoren spontan zugesagt worden, als persönlicher Beitrag für mehr Baukultur. Sie zeichnen ein Stimmungsbild über die Bedeutung von Baukultur und bereichern den Diskurs zur Bedeutung gebauter Lebensräume.