Neue Horizonte durch die Davos Deklaration 2018

Baukultur wird international!

Interview mit Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur und Dr. Uwe Koch, Leiter der Geschäftsstelle des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz DNK

Für mich ist die Denkmalkultur maßgeblicher Teil der Baukultur.

Reiner Nagel

Was ändert sich durch die „Erklärung von Davos zur Baukultur“ auf der nationalen und europäischen Ebene?

Uwe Koch (UK): Die Davos Erklärung stellt zunächst einmal die erste gemeinsame Erklärung der Kulturminister in Europa dar, die das Thema Bauen als Kulturaufgabe qualifiziert. Sie wird nunmehr die Basis für weitergehende konkrete Umsetzungsschritte sein ­– fachlich und politisch. Welche Entwicklungsschritte die Erklärung nach sich ziehen wird, ist heute natürlich noch nicht absehbar. Die Erwartungshaltung aber ist bei allen Akteuren hoch.

Reiner Nagel (RN): Die Gestaltungsverantwortung für unsere Lebensräume ist durch die Erklärung nun wirklich auf internationaler Ebene angekommen. Das geht über den Kern des Kulturerbejahres 2018 im Sinne von beyond heritage hinaus bis zu integrierten Planungsansätzen für eine in Davos kritisierte, zunehmende Banalisierung der Umwelt. Dass dabei für Aufwertungsstrategien der deutschsprachige Begriff Baukultur als Bedeutungsträger verwendet wird, bestätigt auch die Sichtweise der Bundesstiftung.

Wie waren Sie eingebunden und was bedeutet die Erklärung für Ihre eigene Arbeit?

RN: Die Bundesstiftung war in die Erarbeitung der Erklärung eingebunden und hat immer wieder auf die Chancen des ganzheitlichen Handlungsansatzes von Baukultur hingewiesen. Das wir uns dabei verständlich machen konnten, wirkt sich profilierend nach außen und für unsere eigene Arbeit nach innen strukturierend aus. Mich freut besonders, dass unser aktuelles Thema Erbe, Bestand und Zukunft mit der Erklärung vollständig abgebildet ist.

UK: Genau wie Herr Nagel war ich Mitglied der vorbereitenden Arbeitsgruppe. Die Erklärung von Davos wird nun auch in der fachlichen Arbeit des DNK einfließen. Zwischen Baukultur und Denkmalpflege gibt es viele Schnittmengen. Denen werden wir uns in unserer Funktion als länderübergreifendes Fachforum widmen. 

Wie wirken im Europäischen Kulturerbejahr 2018 Denkmalkultur im engeren Sinne und Baukultur darüber hinaus zusammen?

UK: Unser Motto „Sharing Heritage“ bedeutet auch: „Sharing Baukultur“. Ein Projekt in Lübeck wird das im Rahmen des Kulturerbejahres sehr anschaulich machen. Die dortigen archäologischen Grabungen im Gründungsviertel bieten einen hervorragenden Ausgangspunkt für den Dialog und die Entscheidungsfindung zur städtebaulichen Entwicklung im Herzen der Hansestadt.

RN: Das Gründungsviertel in Lübeck ist tatsächlich ein gutes Beispiel dafür, wie Bodenarchäologie und Stadtbaugeschichte ein neues Kapitel für die Stadtentwicklung aufschlagen können – im Sinne der Baukultur geht das dann bis zu den Grundstücksvergaben im Konzeptverfahren und den Gestaltungswettbewerben. Für mich ist dabei die Denkmalkultur maßgeblicher Teil der Baukultur.  

Es soll ja weitergehen. In zehn Jahren will die Kulturministerkonferenz Resumée ziehen. Welchen Beitrag für mehr Baukultur werden Sie mit Ihrer Institution und möglichweise auch gemeinsam bis dahin geleistet haben?

UK: Das ist schwer zu sagen. Wir sind keine Entscheider. Aber ich glaube, ohne unseren Gremien vorgreifen zu wollen, dass wir uns als fachlicher Ansprechpartner und Denkmalforum in den zukünftigen Diskurs zum Thema Bauen als Kulturaufgabe noch stärker einbringen werden. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur!

RN: Den Ball nehme ich gerne auf: Die Davos Erklärung beschreibt ja deutlich Handlungsbedarfe. Das betrifft gute Gestaltung, die Forderung nach Wettbewerben, mehr integrierte Planungsprozesse, die stärkere Einbeziehung des kulturellen Erbes, aber auch mehr Baukulturvermittlung um insbesondere die Urteilskraft junger Menschen auszubilden. Das sind alles wichtige Ziele, bei denen entscheidend ist, was davon in der gesellschaftlichen Realität ankommt. Ein Weg ist, dass DNK und Bundesstiftung gemeinsam die guten europäischen Beispiele, von denen wir am Rande von Davos in der Schweiz schon einige gesehen haben, aufgreifen, übertragen und so schrittweise vorankommen. 



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