Interview mit Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

Baukultur Down Under

Bundesstiftung Baukultur

Die Sydney Oper von Jörn Utzon ist in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand

TT:
Herr Nagel, Sie waren Anfang März eine Woche in Australien. Was war Hintergrund und Intention Ihrer Reise?

RN:
Es gab mit einem längeren Vorlauf die Anfrage der Universität von New South Wales für einen Festvortrag, die 10. Paul Reid Lecture. Unterstützt wurde dies vom Goethe-Institut, der Stadt Sydney und dem Government Architect, die die Ansätze der Baukultur aus Deutschland genauer kennenlernen wollten. Interessanterweise existiert ein reger Austausch zwischen Australien und Europa, auch mit Deutschland. Es gibt eine deutsch-australische Industrie- und Handelskammer, es gibt viele deutschstämmige Architekten, Planer, Ingenieure, die in Australien arbeiten. Und immer wieder wird der Wunsch laut, zu hören: Wie läuft es eigentlich in Europa? Wie plant und baut ihr in Deutschland?

TT:
Und wieso ist Australien für Deutschland relevant?

RN:
Australien ist uns kulturell durch die europäischen Wurzeln als Commonwealthland sehr nah. Es gibt dort ingenieurmäßig, architektonisch, planerisch eine hohe Kompetenz. Im Ergebnis entsteht häufig eine hohe architektonische Qualität der Einzelgebäude und öffentlichen Räume. Und trotz hoher Preise und Renditen gelingt es hochwertige Baustoffe zu verwenden und damit auch nachhaltige Immobilienprojekte zu entwickeln. Möglicherweise hat die Sydney Oper als Weltkulturerbe da Maßstäbe gesetzt.

Defizite gibt es im öffentlichen Nahverkehr. Das größte Angebot der Millionenstadt sind immer noch Busse. Jetzt wird gerade das Straßenbahngrundnetz in die Innenstadt hinein erweitert und der Autoverkehr zugunsten neuer öffentlicher Räume zurückgedrängt. Das ist ja auch ein Thema der Baukultur.

Also warum Sydney? Obwohl Down Under, ist Australien uns kulturell nah und von den unterschiedlichen Rahmenbedingungen her eine gute Referenz. Es ist leider nur so weit weg.

TT:
Also weit weg aber kulturell nah. Was war darüber hinaus die baukulturelle Motivation dieser Reise?

RN:
Aus unserer Sicht ist Australien deshalb spannend, weil es auch ein Zuwandererland ist, schwerpunktmäßig asiatischer Immigranten. Wie wird dort der Wandel bewältigt? Sydney ist nach den olympischen Spielen 2000 von etwa 3 Mio. Einwohnern auf fast 5 Mio. Einwohner gewachsen, also gab es ein erhebliches Stadtwachstum, was auch planerisch verarbeitet werden musste. Ich war 1999 in Sydney und die damaligen Stadtteilentwicklungsgebiete Pyrmont oder Parramatta sind jetzt, mit höheren Dichten in den späten Bauabschnitten, weitgehend fertiggestellt. Darling Harbour, was schon damals aus meiner Sicht eine Fehlentwicklung war, hat auch nach 20 Jahren die Defizite seiner isolierten Lage und seines problematischen, rein auf büro- und freizeitbezogene Nutzungen beschränkten Konzeptes nicht überwunden. Im Gegenteil haben sich die ursprünglichen Fehler auch mit einer Flucht nach vorne, d.h. mit noch mehr Masse, nicht mehr korrigieren lassen. Pyrmont hingegen ist  mit seinem bestandsintegriendem Profil mit vielfältigen Interventionen im öffentlichen Raum und vielen Neubauten im Quartiersmaßstab sehr erfolgreich.

Bundesstiftung Baukultur

Sirius Building mit Besuchergruppe

TT:
Stellt sich also die Frage, welche Rolle Baukultur in Australien spielt?

RN:
Baukultur ist bislang als Thema wie wir es definieren in Australien nicht im Bewusstsein. Der Begriff „Baukultur“ leuchtet aber vielen Gesprächspartnern sofort ein und niemand ist auf die Idee gekommen, ihn mit „building culture“ zu übersetzen. Das scheint im Gegenteil etwas unseriös zu klingen und hat viele amüsiert. Also bleiben wir auch auf internationaler Ebene beim Begriff „Baukultur“– der spricht anscheinend intuitiv für integrierte Prozesse, eine Zielorientierung auf gute Qualität der gebauten Lebensräume, eine hohe fachliche Qualität, die in den jeweiligen Disziplinen Landschaftsarchitektur, Architektur, Städtebau, Stadtentwicklung zu finden ist. Baukultur ist wichtig für die Australier, wahrscheinlich sogar wichtiger als in Europa, weil die australische Gesellschaft seit etwa 20 Jahren extrem neoliberal handelt und vor diesem Hintergrund Stadtentwicklung und Planung eigentlich allein von Investoren gemacht werden. Bauland aber auch jede Bauinvestition sind extrem teuer: In Sydney bekommt man Einzimmerapartments in der Größenordnung 30-35 qm nicht mehr unter 600.000 Australischen Dollar, das sind etwa 500.000 Euro, und man bekommt keine Zweizimmerwohnung unter 1 Mio. Australische Dollar. Der Markt regiert - Einfluss und Größe von Planungsverwaltungen sind dagegen sehr klein. Ich habe zum Beispiel den „Governments Architect“ besucht. Dort gab es vor 20 Jahren noch 1.700 Mitarbeiter, vor 10 Jahren 80 und im vergangenen Jahr wurden die Stellen auf null gekürzt. Jetzt gibt es in der neu, ohne operative Funktion gegründeten Institution wieder etwa 10 Planer. Sie sollen Baukultur nach vorne bringen und das im Grunde ausschließlich mit Beratung.

Deshalb waren die Kollegen sehr interessiert zu hören, dass wir in Deutschland mit den Baukulturberichten so etwas wie ein politisch wirksames fachliches Instrument haben. Auch unsere selbst durchgeführten Umfragen und die Argumentation mit Hilfe von Infografiken waren Diskussionsgegenstand. Jetzt denken „Governments Architect“ darüber nach, nach dem Vorbild der Baukulturberichte in Deutschland australische Baukultur-Reports zu erarbeiten. Hier scheint mit unserem internationalen Austausch ein direkter Fachexport gelungen.

TT:
Und welches Thema ist den australischen Kollegen dabei am wichtigsten?

RN:
Es gibt eine große Ratlosigkeit, wie man zu baulichen und sozialen Ausgleichmechanismen kommen kann, wie man also die Planwertzuwächse durch hohe Dichten auf Grundstücken in die Bahnen gesellschaftlichen Nutzens lenkt. Da sind integrierte Ansätze und natürlich eine Rekommunalisierung – nicht nur von Versorgungsunternehmen im Bereich Wasser, Strom und Verkehr, sondern auch von Dienstleistungen – ein oft angesprochenes Thema.

Bundesstiftung Baukultur

Baukultur Down Under – Reiner Nagel am Rande der Festrede in Sydney mit Briedie Mahr, Tutorin der University of New South Wales, zufällig in den Farben der Bundesstiftung.

TT:
In der australischen Presse gab es einen Artikel von Elizabeth Ferrely für den Sydney Morning Herald, indem auch über Ihren Vortrag an der Universität New South Wales und die Bundesstiftung Baukultur berichtet wurde. Es ging vor allem um die Gegenüberstellung von Konsens und Power und ob Baukultur als gelebte Streitkultur zu verstehen ist. Wie unterscheidet sich der Dialog über Baukultur in Australien zu dem in Deutschland? Was können wir voneinander lernen?

RN:
Der Artikel bezieht sich auf die australische Situation, wo es aus den genannten Marktmechanismen häufig Stress und Streit um Stadtentwicklungsprojekte gibt. Beispielsweise soll aktuell das phantastische Sirius Building aus den 70er Jahren von Theo Gofers am Millers Point, nahe der Harbour Bridge abgerissen werden. Denkmalschutz, so der zuständige Minister, sei nicht gegeben. Es steht inzwischen leer und ist kurz vor dem Abriss um Platz für höhere Dichte und neuere Architektur freizumachen. Diese Kämpfe finden häufig ausschließlich über Initiativen und die Presse statt, weil es wenig kommunal ausgleichende Fachlichkeit gibt. Für wichtige Entscheidungen ist nicht die Stadt Sydney, sondern die Regierung von New South Wales zuständig. Was wir also an der kommunalen Planungshoheit in Deutschland wertschätzen ist in Australien so nicht gegeben. Und verglichen mit Australien haben wir eine echte Dialogkultur.

TT:
Mit der MIPIM 2017 in Cannes, dem zweijährig stattfindenden Internationalen Baukulturdialog in Venedig und der englischen Version des aktuellen Baukulturberichtes ist eine internationale Profilierung der Bundesstiftung Baukultur erkennbar. Inwieweit wird das internationale Netzwerk gepflegt? Was ist Ihre nächste Station im internationalen Baukulturkontext?

RN:
Internationale Erfahrungen sind ein wichtiger Erkenntnisgewinn auch für die Ausrichtung unserer eigenen Arbeit. Tatsächlich ist natürlich die europäische Ebene für uns erstmal maßgeblich. Da sind wir froh, dass sich das EFAP, das europäische Netzwerk zur Förderung von Architekturpolitik nach einer echten Krise derzeit wieder reorganisiert und hoffentlich als internationales Austauschformat bald wieder gut funktioniert.

Tatsächlich ist es aber so, dass in diesem Netzwerk diejenigen Länder vorne dabei sind, die eine offizielle Architekturpolitik betreiben. Das sind 22 Länder. Deutschland wird vertreten durch das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und durch die Bundesstiftung Baukultur und muss hier seinen formalen Status noch stärken.

Den gesamten Festvortrag finden Sie hier.