Eschwege

Baukultur verfolgt gemeinsame Ziele

© Bundesstiftung Baukultur, Till Budde
© Till Budde

Rund 20.000 Einwohner leben in der tausendjährigen Stadt Eschwege mit ihren über 1.000 Fachwerkgebäuden. Doch so attraktiv das Erscheinungsbild der nordhessischen Stadt auch ist – vor allem Wohnraum wurde in der Vergangenheit nicht mehr ausreichend nachgefragt, zunehmend verlor die Innenstadt an Funktion und Aufenthaltsqualität. 2005 setzte die Stadt unter Einbindung der Bevölkerung einen baulich-qualitativen Umbauprozess in Gang, der die Stärkung der historischen Mitte zum Ziel hatte. 2010 wurden Einwohner und Hauseigentümer, ansässige Händler, Stadtmarketing und der in Eschwege aktive Seniorenbeirat aufgefordert, gemeinsam mit der Stadtpolitik, einem Gestaltungsbeirat und der Bauaufsicht Ideen und Bedarfe für die Umgestaltung des öffentlichen Raums zu entwickeln.

Nach Auswertung aller Anregungen kristallisierten sich die Konzentration des Handels auf die traditionellen Hauptachsen, das Wohnen in der Altstadt und die Umgestaltung öffentlicher Räume als dringlichste Handlungsfelder heraus. Vorgabe für die Neugestaltung war die Erhaltung aller Funktionsbereiche des Marktplatzes: verkehrliche Anforderungen, städtischer Einzelhandel, Außengastronomie, Markttage und Veranstaltungen. Zudem sollte die gesamte Innenstadt barrierefrei werden. In einem „Testlauf“ hatten die Bewohner die Möglichkeit, die geplanten Umbaumaßnahmen auszuprobieren: „Wir haben ein Stück Marktplatz mit den gedachten Materialien aufgebaut und unseren Seniorenbeirat eingeladen, die Fußgängerfreundlichkeit und den Komfort der Sitzgelegenheiten zu testen. Die Einschätzungen der Testpersonen haben zu Veränderungen und deutlichen Verbesserungen geführt“, berichtet Alexander Heppe, Bürgermeister der Stadt. Auf einem Stadtspaziergang wurden die Sichtachsen, die Verkehrsplanung um den Marktplatz sowie eine Neugestaltung der Fußgängerzonen mit den Anwohnern diskutiert.

Entstanden ist ein verkehrsberuhigter und lebendiger Marktplatz: Der Verkehr kann in einem shared-space-Konzept von allen Teilnehmer gleichberechtigt in Anspruch genommen werden, die reduzierten Parkplätze wurden unter einer Baumreihe angeordnet. Der Marktplatz zeichnet sich durch seine Barrierefreiheit aus, die allen Nutzern den Zugang erleichtert. Zusätzlich wurden die umliegenden Fußgängerzonen ausgebessert und geordnet, um Plätze und Sichtachsen zu schaffen. Einige in der Innenstadt befindliche Fachwerkgebäude konnten durch zeitgemäße Neu- oder Anbauten ergänzt werden. So wurden mit dem Umbau von drei Fachwerkhäusern zu einem barrierefreien Stadthaus neue Wohnformen für körperlich beeinträchtigte Menschen inmitten der Stadt geschaffen. Zudem wurden die Eigentümer und Nutzer der Fachwerkgebäude aufgefordert, die Innenhöfe als innenstadtrelevante Raumpotenziale wiederzubeleben. Nicht zuletzt konnte die Stadt einen neuen Bahnhof in die bestehende Innenstadtstruktur einbetten – für die gestalterisch hochwertige Anbindung an den Fernverkehr erhielt Eschwege 2013 den European Railway Award London sowie 2014 den Deutschen Verkehrsplanungspreis Berlin.

Durch die intensive Einbindung der Bürger noch vor Planungsbeginn ist es Eschwege gelungen, die Innenstadt durch eine prozesshafte baulich-qualitative Weiterentwicklung nachhaltig zu beleben und zu stabilisieren. Die historische Mitte als moderner Aufenthaltsraum und Wohnstandort ist mittlerweile wieder stark nachgefragt; 2012 wurde Eschwege mit dem Nationalen Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur „Neues Wohnen in der Altstadt“ ausgezeichnet.

Aus dem Baukulturbericht 2016/17 “Stadt und Land”.

Rubrik Freiraum
Infrastruktur
Öffentliches Bauen
Stadtplanung
Beteiligungskultur
Planungskultur
Open space
Infrastructure
Public construction
Planning culture
Bauherr Magistrat der Kreisstadt Eschwege
Planung

GTL Gnüchtel Triebswetter Landschaftsarchitekten GbR, Kassel; Fachbereich 4 Planen und Bauen, Magistrat der Kreisstadt Eschwege; BIG-STÄDTEBAU GmbH, Kronshagen

Fertigstellung 2013
Planungszeitraum 2010–2013
Größe / Fläche 3.100 m²
Baukosten 685.000 Euro (Neuanlage Marktplatz)
Nach oben